Bundesliga

Salomon Kalou - "Hertha hat das Zeug zum Topklub"

Angreifer Salomon Kalou im Morgenpost-Interview über Lockrufe aus China, Entscheidungen in der Karriere und die Perspektiven in Berlin

Geerdet: Herthas Salomon Kalou, der neben der Champions League auf den Afrika-Cup gewonnen hat

Geerdet: Herthas Salomon Kalou, der neben der Champions League auf den Afrika-Cup gewonnen hat

Foto: joerg Krauthoefer

Berlin.  Als sein Hosenbein beim Fototermin ein Stück hochrutscht, kommen die Narben an Salomon Kalous Knöchel zum Vorschein. Spuren seiner bemerkenswerten Karriere, die in einer Nachwuchsakademie in Afrika begann, damals noch barfuß. Inzwischen biegt Kalous Laufbahn auf die Zielgrade ein. Sein Vertrag bei Hertha läuft im Sommer aus, für den 31 Jahre alten Angreifer stellt sich die Frage, wie es weiter gehen soll mit seinem Leben. Vor dem heutigen Spiel beim Hamburger SV (17.30 Uhr) spricht er über Karriereentscheidungen, die Bedeutung guten Timings und Herthas Potenzial.

Herr Kalou, glauben Sie an Schicksal?

Salomon Kalou: Ja, wieso fragen Sie?

Als Spieler von Feyenoord Rotterdam wurde ihr Antrag auf die niederländische Staatsbürgerschaft abgelehnt. Wäre Ihre Karriere sonst anders verlaufen?

Ich glaube nicht. Vielleicht wäre ich niederländischer Nationalspieler geworden. Stattdessen spiele ich für die Elfenbeinküste, aber da haben wir ja auch orangefarbene Trikots (lacht).

Heute ist die Bindung zu Ihrem Heimatland sehr groß. Damals noch nicht?

Ich war jung und hatte noch nie für die Elfenbeinküste gespielt. Mein Trainer in Rotterdam, Ruud Gullit, hat mich dem damaligen Bondscoach Marco van Basten empfohlen. Wenn sich zwei so große Namen um dich bemühen, ist das sehr schmeichelhaft.

Mit 19 ist Ihnen der große Durchbruch gelungen, den niemand so vorhersehen konnte. Hatten Sie einen Plan B für den Fall, dass Sie als Fußballer scheitern?

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, mein Leben spielte sich zwischen der Schule und der Mais-Farm meiner Eltern ab. Mehr gab es für mich nicht, wovon sollte ich also träumen? Wenn ich nicht im Fußball gelandet wäre, wäre ich heute wahrscheinlich Farmer – und trotzdem glücklich.

Was war Ihre Vision, als Sie Ihre Heimat verlassen haben?

Es gab nur einen Gedanken: Du musst erfolgreich sein! Ich habe meine Eltern und Geschwister verlassen und wusste: Wenn ich es schaffe, ändert sich auch ihr Leben. Ein großer Druck.

Ihr Landsmann Gervinho spielt in China, wo absurde Summen gezahlt werden. Was hat er Ihnen erzählt?

Gervinho spricht fast nur über China! Er will mich unbedingt zu seinem Klub locken, möchte dort etwas aufbauen und Titel gewinnen.

Stars wie Carlos Tevez oder Oscar konnten den Millionen aus dem Reich der Mitte nicht widerstehen.

China wirkt wie ein großes Eldorado für Fußballer, dort gibt es die großen Gehaltsschecks. Wenn du aber in einer schönen Stadt wie Berlin oder London leben und den Job machen kannst, den du liebst, ist das viel wert. Ich sehe es so: Wenn ich hier ein gutes Leben habe, gibt es keinen Grund, das zu ändern.

China kommt nicht infrage?

Nein, im Moment nicht. Ich habe andere Ziele, zum Beispiel die Saison mit Hertha in den Top sechs zu beenden.

Was ist mit den USA? Sie sind regelmäßig in New York ...

Ein Teil meiner Familie lebt dort, auch Freunde. Wenn ich die Wahl hätte zwischen China und der Major League Soccer, würde ich mich für die USA entscheiden.

Sie haben zehn Geschwister. Fühlen Sie sich noch immer verantwortlich für sie?

Mein älterer Bruder war auch Profi, er hat meiner Familie schon vor mir geholfen. Wir alle führen heute ein gutes Leben. Jetzt, gegen Ende meiner Karriere, geht es also nur noch um mich. Was will ich? Wo möchte ich leben?

Wann treffen Sie eine Entscheidung?

Das Gute ist: Es gibt keine Frist, keinen Druck für uns. Hertha weiß, dass ich sehr gern hier bin, und der Klub will mich auch halten.

Klingt, als wäre die Tinte fast trocken.

Noch ist nichts unterschrieben. Aber die Chancen stehen sehr gut, dass ich bleibe.

Herr Kalou, wo sehen Sie sich nach Ihrer aktiven Karriere?

Ich werde wahrscheinlich ziemlich viel in der Weltgeschichte herumreisen. Rotterdam, London, Lille, Berlin, Abidjan, mein Heimatdorf – das alles gehört zu mir. Es wäre interessant, weiter zwischen diesen Welten zu pendeln.

Schon eine Idee, was nach dem Fußball kommt?

Noch nicht wirklich, aber ich bin kein Typ für einen Trainer- oder Managerposten. Dafür war Fußball für mich immer zu sehr Spiel und Spaß.

Worum geht es Ihnen im Leben?

Darum, seinen Weg zu finden und zu genießen, Schritt für Schritt. Nichts im Leben ist in Stein gemeißelt, schon gar nicht in unserer Branche. Deshalb sollte man den Moment auskosten und zum richtigen Zeitpunkt die richtige Richtung einschlagen.

Eine Frage des richtigen Timings. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um sich aus der Nationalmannschaft zurückzuziehen?

Aktuell konzentriere ich mich voll auf Hertha. Der Afrika Cup in diesem Jahr war auf jeden Fall mein letzter.

Nächstes Jahr findet eine WM statt ...

Wir haben das Potenzial, in Russland dabei zu sein – egal, ob mit mir oder ohne mich.

Im modernen Fußball dreht sich vieles um junge, schnelle Spieler. Sie sind nicht mehr so flink wie mit Anfang 20, auf dem Platz aber oft zur rechten Zeit am rechten Ort.

Tempo ist nicht alles. Die Schnelligkeit im Kopf schlägt die Schnelligkeit des Körpers. Das deutsche Weltmeisterteam hat Brasilien nicht mit seinem Speed besiegt. Aber es hatte Disziplin und Spielverständnis.

Wird Tempo überschätzt?

Dass du 18 bist und schnell rennen kannst, heißt nicht, dass du ein Top-Spieler bist. Der Fokus auf die Athletik verdrängt ein bisschen die Fantasie, manchmal fühle ich mich an American Football erinnert. Was ist mit den Zidane-Momenten, den Pässen, die an drei Gegenspielern vorbeigehen? Die sieht man immer seltener, dabei liegt genau darin die Magie des Spiels.

Zurück zum Timing: 2016 hat Hertha den Sprung ins internationale Geschäft verpasst. Ist die Zeit jetzt reif für Europa?

Ja, denn bei uns greifen inzwischen viele Dinge ineinander. Nehmen Sie das Beispiel Dortmund. Vor ein paar Jahren steckte der Klub in einer tiefen Krise, hatte beim Neuaufbau aber ein gutes Timing. Mit vielen Talenten wurde ein Team geformt, das im Champions-League-Finale stand. Jetzt ist unsere Zeit. Unsere Mannschaft kann Hertha auf das nächste Level bringen – auch mit den jungen Spielern. Das Potenzial ist ohnehin riesig. Hertha hat das Zeug zu einem Top-Klub der Bundesliga.

Sie posten häufiger Fotos von sich in Museen. Sind Sie Kunst-Fan?

Ich habe verschiedene Kunstwerke zu Hause. Eines hat ein Künstler mit einem Messer auf einer Ein-Dollar-Note eingeritzt, weil er von der Symbolkraft des Scheins begeistert war. Ich mag solche Denkanstöße.

Angenommen, Sie selbst wären Künstler: Wie würden Sie den jungen Salomon Kalou malen? Und wie den heutigen?

Der junge Salomon hat eine komplett neue Welt entdeckt. Ich musste erst mal verstehen, wie die Dinge funktionieren, hatte gleichzeitig aber große Ziele. Der Salomon von 2017 hat gelernt, das zu schätzen, was er hat. Und er hat verstanden, dass überall Entwicklungspotenzial steckt.

Sie haben als Kind ohne Schuhe auf der Straße gekickt, waren später mit Chelsea ganz oben. Was war die wichtigste Lektion, die Sie gelernt haben?

Dass es am Ende um deinen Einsatz geht, egal ob als Profi bei Chelsea oder als Straßenkicker in Afrika. Deshalb sollte man lieben, was man tut. Und: Man sollte sich selbst treu bleiben. Bei Chelsea habe ich jeden Monat fünf paar Schuhe bekommen – mehr als ich tragen konnte. Aber deshalb bin ich immer noch dieselbe Person.

Die Lehre Ihres speziellen Lebenswegs?

Ja, und dafür bin ich dankbar. Viele junge Spieler überschätzen sich und hören nur auf die Schulterklopfer, dabei haben sie noch nichts erreicht. Einen kurzen Hype auslösen können viele. Aber ob sie das Zeug haben, sich über Jahre bei einem Topklub zu beweisen, steht auf einem anderen Blatt. Das macht den Unterschied.

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