Spitzenspiel

So will Hertha gegen Borussia Dortmund punkten

Nach drei Remis in vier Duellen suchen Hertha und der BVB nach neuen Lösungen. Ein Hoffnungsträger wird den Berlinern jedoch fehlen.

Pal Dardai (r) und sein Assistent Rainer Widmayer suchen nach der richtigen Taktik

Pal Dardai (r) und sein Assistent Rainer Widmayer suchen nach der richtigen Taktik

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin.  Nein, von Abnutzungserscheinungen keine Spur, beim Thema Borussia Dortmund fangen Rainer Widmayers Augen noch immer an zu leuchten. "Sich mit solchen Mannschaften zu messen, macht einfach Spaß", schwärmt Herthas Co-Trainer, "das ist jedes Mal eine Riesenherausforderung." An diesem Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei Immerhertha.de) kreuzt der BVB den Weg der Berliner bereits zum fünften Mal innerhalb eines Jahres, und klammert man das Pokal-Halbfinale 2016 (0:3) aus, ist es Hertha auf bemerkenswerte Art und Weise gelungen, dem Champions-League-Starter Paroli zu bieten.

Mit 0:0 oder 1:1 trennte man sich zuletzt, das jüngste Pokal-Duell im Februar ging erst im Elfmeterschießen verloren. Auch dank Widmayer, der die Gegneranalyse verantwortet und mit Chefcoach Pal Dardai seit Tagen nach der richtigen Taktik fahndet.

"Eins ist klar", warnt der Schwabe, "wenn man glaubt, man weiß, was Dortmund anbietet, ist man auf dem Holzweg. Bei Thomas Tuchel musst du immer mit etwas Besonderem rechnen. Er hat gespürt, dass wir eine taktische Raffinesse haben, deshalb kommt er diesmal vielleicht mit etwas ganz anderem." Hertha habe die Fähigkeit, Dortmunds Tempo zu schlucken, hatte der BVB-Coach vor dem Pokalfight analysiert. Und er sollte Recht behalten.

Rangnick als prägende Figur für Widmayer und Tuchel

Widmayer (49) und Tuchel (43) verbindet weit mehr als die jüngsten Begegnungen im Profi-Business. Beide teilen eine gemeinsame Vergangenheit. 1997, damals noch als Aktive, trugen sie das Trikot des SSV Ulm in der Regionalliga Süd, wenngleich sich Tuchel bald schwer verletzte.

"Als Typ war Thomas schon immer extrem", sagt Widmayer der Morgenpost, "er hat sich brutal für taktische Dinge interessiert." Auf dem Feld agierte das Verteidiger-Duo seinerzeit als verlängerter Arm ihres Trainers Ralf Rangnick, dem späteren Architekten der hochambitionierten Fußballprojekte in Hoffenheim und Leipzig.

"Mit seinen taktischen Ansätzen und dem Fokus auf Teamfähigkeit und Leidenschaft hat uns Rangnick geprägt", erzählt Widmayer, "und dass Thomas eine Trainerlaufbahn einschlagen würde, war mir klar." Später begegneten sie sich beim VfB Stuttgart wieder. Tuchel als Nachwuchstrainer, Widmayer als Co-Trainer der zweiten Mannschaft. "Im Übergangsbereich von Jugend zu den Profis", sagt Tuchel, "war er mit Rainer Adrion eines der besten Trainerteams, die es gab."

Hirnforschung und rautenförmige Spielfelder

Heute, fast 20 Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Spiel, will Widmayer helfen, Hertha zurück nach Europa zu führen. Seinen Vertrag hat er vorige Woche bis 2019 verlängert. Tuchel verantwortet derweil eines der aufregendsten Fußball-Projekte im Spitzenfußball, mit hochveranlagten Jungspunden wie Ousmane Dembélé (19), Christian Pulisic (18) oder Raphael Guerreiro (23) - und viel taktischer Finesse. Bis zum Pokalspiel gegen Hertha im Februar hatte Tuchel, im Amt seit 2015, in jedem Spiel die Startformation geändert – von Systemvariationen ganz zu schweigen. Auch in Berlin wird er wieder rotieren.

Wie Tuchel tickt, hat er bereits zu Mainzer Zeiten ausführlich dargelegt. Als Gast-Redner eines Innovations-Netzwerks referierte er seinerzeit über Hirnforschung und Lerntheorien, das Knacken eingeschliffener Verhaltensmuster und die Einführung rautenförmiger Spielfelder auf dem Trainingsgelände. Früher, erklärte er, habe er daran geglaubt, ein Spielsystem zu finden und dies bestmöglich zu automatisieren. Ein Denkmuster, das dem Glauben an Variabilität gewichen ist.

Am jeweiligen Gegner ausgerichtete System- und Personalwechsel gehören seither zu Tuchel wie Schwarz und Gelb zu Dortmund, auch wenn er zuletzt weniger variiert hat. Spätestens seit dem inoffiziellen Taktik-Gipfel mit dem früheren Bayern-Trainer Pep Guardiola in einem Münchner Restaurant gilt er als Vordenker. "Das Fundament seiner Arbeit ist Rangnick", sagt Widmayer, "aber er ist auf eine nächste, eine eigene Stufe gekommen."

Herthas Hoffnungsträger Duda fällt aus

Bei Hertha setzen Dardai und Widmayer derweil auf eine eingespielte Stammformation, müssen allerdings auf Joker Ondrej Duda (muskuläre Probleme) verzichten. Dortmunds individueller Klasse (Marktwert 378 Millionen Euro) wollen die Berliner (85 Millionen) erneut mit taktischer Disziplin, Mut und höchster Bereitschaft begegnen. Drei Grundvoraussetzungen, um den Favoriten zu triezen. Und der Rest?

Veränderungen erkennen und reagieren – darum gehe es, sagt Widmayer. Tuchel wird sich etwas einfallen lassen; Dardai und er selbst ebenfalls, sie sind auf verschiedene Systeme vorbereitet. Wer wählt welchen Schachzug? Und wer hat die passende Antwort? Psychospiele unter Trainern. "Wir sitzen nicht allein im Kämmerchen, sondern tauschen uns ständig mit den Spielern aus", sagt Widmayer. Ist Plan X machbar? Traut ihr euch Variante Y zu? "Wenn die Jungs überzeugt sind", sagt er und lächelt, "ist die Chance groß, dass der Plan aufgeht." Wäre im Duell mit Tuchel ja nicht das erste Mal.

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