Eklat um Herthas Weiser

Empört euch weniger!

Die Bereitschaft zum Skandal ist zu hoch. Das führt zu falschen Schwalben-Vorwürfen wie bei Herthas Mitchell Weiser, meint Jörn Meyn.

(L-R) Mikel Merino, Mitchell Weiser, Pierre-Emerick Aubameyang von Borussia Dortmund und Marvin Plattenhardt von Hertha BSC während des Spiels zwischen Hertha BSC und Borussia Dortmund am 11.03.2017 in Berlin, Deutschland. (Foto von City-Press GbR) | Verwendung weltweit

(L-R) Mikel Merino, Mitchell Weiser, Pierre-Emerick Aubameyang von Borussia Dortmund und Marvin Plattenhardt von Hertha BSC während des Spiels zwischen Hertha BSC und Borussia Dortmund am 11.03.2017 in Berlin, Deutschland. (Foto von City-Press GbR) | Verwendung weltweit

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Der Fußball hat ein Problem. Er züchtet seit Jahren eine Unsitte, die in anderen Sportarten als unehrenhaft empfunden würde. Spieler fallen nach den leichtesten Berührungen in einer Theatralik, dass jeder Schauspielschüler anerkennend nicken möchte. Das ist in der Bundesliga zu beobachten, wenn in der Zeitlupe die vierte Rolle eines auf dem Rasen grässlich schreienden Profis gezeigt wird, aber auch, dass er vorher gar nicht getroffen wurde. Und das kann man ebenso in der Kreisliga B erleben. Die Schwalbe segelt durch alle Ligen.

Vor diesem Hintergrund ist das, was Mitchell Weiser bei Herthas Sieg gegen Dortmund aufgeführt hat, zu kritisieren. Der 22-Jährige machte aus dem Tritt von Ousmané Dembélé in der 90. Minute mehr, als es gebraucht hätte. Durch die zeitliche Verzögerung zwischen dem Treffer am Fuß und Weisers Umfaller sah die Sache zudem etwas peinlich aus. Aber eine Schwalbe war das nicht.

Das Internet entlarvt das Internet

Das führt uns zu Problem zwei des Fußballs: Im Moment ist die Bereitschaft zur Skandalisierung enorm hoch. Ob bei Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern (am Sonnabend erlebt beim 2:2 zwischen Köln und Ingolstadt), bei Fehlverhalten von Fans (zuletzt beim BVB gegen RB Leipzig, dort aber war es ein wirklicher Skandal), oder eben bei Spielern.

Das hat mit der bis ins Absurde gestiegenen Überhöhung dieses Sports zu tun, aber auch mit den sozialen Netzwerken und uns Medien. Noch während das Spiel zwischen Hertha und dem BVB lief, gab es auf Twitter kurze Endlosschleifen (GIFs) von Weisers Geschrei. Bis nach England empörten sich die Leute über Herthas Flügelspieler. So ein Tweet ist ja auch schnell geschrieben. "Peinliche Schauspiel-Einlage trübt Hertha-Sieg", titelte eine Zeitung daraufhin sogar.

Wir Medien glauben zu oft, dass wir die Stimmung im Netz ungebremst zu transportieren haben. Dabei erschien bald ein weiteres GIF auf Twitter, das Weiser entlastete. Gezeigt wurde aus einem anderen Kamerawinkel, wie Dembélé ihn mit den Stollen übel erwischt, was einige Leute zur Abbitte bewegen sollte. Innerhalb von wenigen Stunden wurde uns hier also ein Kammerspiel über die schadhaften Reflexe der Branche aufgeführt.

Wie wäre es, wenn wir uns nun mal wieder etwas weniger rasant empören? Zumindest im Fußball? Es gibt daneben nämlich echte Skandale auf der Welt, über die man sich nicht genug aufregen kann.

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