Bundesliga

Herthas zwei Gesichter

Trainer Pal Dardai hadert: „Die Auswärtsserie geht auf den Sack“. Die Schwäche in der Fremde gefährdet Hethas Ziel Europacup

Herthas Auswärts-Allergie: Trainer Pal Dardai (M.) und seine Innenverteidiger John Brooks (l.) und Sebastian Langkamp

Herthas Auswärts-Allergie: Trainer Pal Dardai (M.) und seine Innenverteidiger John Brooks (l.) und Sebastian Langkamp

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Beim Einstieg in den Flieger zurück nach Berlin bekamen die Profis von Hertha BSC einiges zu hören: "Das war Mist" pöbelten zwei Anhänger, die im Hertha-Trikot mitten in der Maschine saßen. Linksverteidiger Marvin Plattenhardt bekam zu hören: "Außer Freistößen ist bei dir nichts los, was!" - Plattenhardt hatte seine XXL-Kopfhörer über die Ohren gezogen, er gab vor nichts zu hören. Was sollten die Spieler auch sagen? 2:4 (0:3) hatten die Berliner beim 1. FC Köln verloren und dabei bis zur Pause die schwächste Halbzeit dieser Saison abgeliefert.

Stellvertretend sei hier nur die Szene zum dritten Treffer von FC-Torjäger Anthony Modeste erwähnt. Da zürnte Hertha-Manager Michael Preetz: "Haraguchi läuft mit dem Ball in vier Kölner rein, und an der Mittellinie spielt Brooks auf Abseits. Das muss man ganz anders verteidigen." Prompt versenkte Modeste den Ball im Hertha-Netz.

Brooks fliegt trotz Knieverletzung in die USA

Einer der Schwachpunkte in Köln war Genki Haraguchi. "Seitdem Mitchell Weiser wieder zurück ist, wirkt Genki irgendwie übermotiviert", sagte ­Trainer Pal Dardai zu der schwachen Vorstellung des Japaners. Auch Brooks wirkte, ungeachtet seines Kopfball-­Tores gegen den agilen, robusten ­Modeste nicht fit. Kein Wunder: Brooks laboriert an Knieproblemen, spielte mit Schmerzmitteln.

Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Hertha Brooks am Sonntag zum MRT geschickt. Der Befund, laut Manager Michael Preetz: "John hat eine Meniskusreizung. Wir sind aber froh, dass er sagt, dass es ihm wieder ganz gut geht." Damit ist klar: Brooks wird, wie von ihm gewünscht, zur US-Nationalmannschaft fliegen. Die spielt zum ersten Mal unter Bruce Arena, der den entlassenen Jürgen Klinsmann als Nationaltrainer beerbt hat. Zudem stehen gegen Honduras (24. März) und Panama (29. März) wichtige WM-Qualifikationsspiele an. Hertha ist in Kontakt mit der US-Teamleitung und hat die Zusicherung erhalten, dass Brooks am Treffpunkt in San Jose/Kalifornien medizinisch gut betreut wird.

Nur Darmstadt ist auswärts noch schwächer

Elf Herthaner werden auf Länderspiel-Reisen sein. Trainer Dardai ist nicht begeistert. Seine Spieler kehren am Mittwoch, dem 29., und Donnerstag, dem 30. März zurück. Blöd für Hertha, dass das Team schon am Freitag, dem 31., gegen Hoffenheim ran muss. Da bleibt keine Zeit, um das abzustellen, was nicht nur die mitreisenden Fans im Flieger nervt, sondern auch die ­Beteiligten: Hertha hat als Tabellen-Fünfter nach wie vor eine gute Ausgangslage für den Kampf um Europa, zeigt aber immer wieder zwei verschiedene Gesichter. "Das mit der Auswärtsserie, das geht auf den Sack", sagte Trainer Pal Dardai. In Köln war Hertha wieder mal von seiner Auswärtsallergie befallen: Es setzt die sechste Niederlage in der Fremde in Folge.

So berauschend die Heimbilanz ist – Herthas 31 Zähler im Olympiastadion sind Ligaspitze –, so ernüchternd sind die Dienstreisen. Nur Darmstadt (0 Auswärtspunkte) steht schlechter da als Hertha (9).

Deshalb wollte sich Trainer Dardai auch nicht hinter einer Einzelkritik verstecken. "Wir müssen uns körperbetonter zeigen, aggressiv in die Zweikämpfe kommen", sagte Dardai. "Das war bis zu Pause in Köln nicht der Fall. Dann rennt man einem Rückstand hinterher und wird als Auswärtsmannschaft sogar noch ausgekontert."

Dardai hadert mit sich selbst

Auch in Köln zeigte der Hauptstadt-Klub seine zwei Gesichter. Auf die desolate erste Hälfte folgte eine ordentliche zweite. "Die Moral ist intakt. Wir haben zwei Tore geschossen und hatten noch drei, vier weitere Chancen", sagte Dardai.

Der Trainer haderte auch mit seiner eigenen Entscheidung. Trotz des wichtigen 2:1 gegen Dortmund wollte Dardai gegen Köln eigentlich Taktik und Personal ändern. "Geplant war, mit Salomon Kalou und Vedad Ibisevic zwei Stürmer auf dem Platz zu haben. Und Maxi (Mittelstädt) sollte die Flanken reinfeuern." Am Ende jedoch entschied sich der Trainer konservativ und lernte bitter: Die alten Fußball-Weisheit halten nicht immer, was sie versprechen: Never change a winning team. Dardai schickte die Siegerelf der Vorwoche auf den Platz - am Ende stand die höchste Saison-Niederlage.

Nach Gladbach reist Hertha erst am Spieltag

Wie umgehen mit den zwei Gesichtern? In der Länderspiel-Pause "ist es schwierig richtig zu arbeiten, weil so viele Spieler unterwegs sind", sagt Dardai. Er weiß, dass sein Team nun unter Zugzwang steht im nächsten Heimspiel. Hoffenheim liegt als Vierter fünf Punkte vor den Berlinern. Bei neun ausstehenden Saisonspielen heißt es: Will Hertha im Kampf um die Champions League ein Wörtchen mitreden, muss gegen Hoffenheim ein Sieg her.

Und das nächste Auswärtsspiel? Wird nicht leichter. Am 5. April geht es nach Mönchengladbach. Wird Hertha jetzt mal die Abläufe ändern? "Ja", sagt Manager Michael Preetz. Ist der blau-weiße Tross sonst stets am Vortag angereist, fliegt Hertha am Mittwoch des Gladbach-Spiels morgens hin und nachts zurück nach Berlin. "Das hat aber nichts mit der Auswärtsmisere zu tun", sagt Preetz. "Das machen wir, weil es mitten in einer englischen ­Woche ist." Der Charterflieger ist seit knapp einem Monat gebucht.

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