Faszination Derby

Warum Hertha BSC von Unions Aufstieg profitieren würde

Die Eisernen könnten am Ende der Saison aufsteigen. Ein Derby brächte der Stadt endlich Fußball-Faszination, schreibt Uwe Bremer.

Endlich wieder Stadtderby: Union und Hertha trennten sich in der Saison 2012/2013 in der Zweiten Bundesliga 2:2

Endlich wieder Stadtderby: Union und Hertha trennten sich in der Saison 2012/2013 in der Zweiten Bundesliga 2:2

Foto: picture-alliance

Für Friedhelm Funkel steht viel auf dem Spiel. Bisher trägt das Trainer-Urgestein allein den Titel "Der Mann, der Berlin das Derby geschenkt hat". Spott, in Erinnerung an den Anteil, den Funkel als Trainer in der desaströsen Saison 2009/10 als Trainer von Hertha BSC am Abstieg hatte. In der Folge wurden 2010/11 in der Zweiten Liga die ersten Derbys zwischen Hertha und Union gespielt. In 2012/13 folgten die Pflichtspielvergleiche drei und vier, erneut im Unterhaus. So wie es aussieht, setzt Jens Keller alles daran, Berlin erneut zwei Derbys zu schenken. Der Trainer des 1. FC Union ist drauf und dran, den Traum vom Bundesliga-Aufstieg Realität werden zu lassen. So ernsthaft wie derzeit hat noch kein Jahrgang aus Köpenick an die Bundesliga-Tür geklopft.

Ich bin für den Endspurt der Zweiten Liga bis zum 21. Mai Union-Sympathisant. Weil ein Derby etwas bringt, was sonst in Berlin häufig fehlt: ­Fußball-Faszination in der Stadt.

Hertha gegen Union – da habe ich intensive, packende Tage in Erinnerung. Mit Provokationen der Fans: So wurde auf den Union-Bus eine Hertha-Fahne aufgesprüht. Hertha musste unter konspirativen Umständen das Hotel vor dem Derby wechseln, weil eine nächtliche Demo von Union-Fans erwartet worden war. Vor allem habe ich sportliche Brisanz abgespeichert. Das offensichtliche Unwohlsein vom damaligen Hertha-Trainer Markus Babbel. Das Spiel, was ihn schon als Bayern-Profi am meisten genervt habe, sei das gegen 1860 München gewesen. Als Favorit Hertha trotz drückender Überlegenheit sein Heimspiel vor 74.000 Zuschauern im Olympiastadion 1:2 verlor, verewigte sich Babbel im Hertha-Geschichtsbuch mit dem Satz: "Von dieser ­Niederlage spricht in einer Woche niemand mehr."

Es gibt eine "Ode an die Holländer" über die schönste niederländische Koproduktion im deutschen Fußball, an die sich niemand mehr ­erinnert: Den 1:1-Ausgleich des ansonsten bei Union enttäuschenden ­Santi Kolk, den dessen niederländischer Landsmann im Hertha-Tor, Maikel Aerts, trotz 1,96 Meter Größe nicht verhindern konnte. Überhaupt Aerts: Seine "Bahnschranken-Parade", gegen einen Distanz-Freistoß von Torsten Mattuschka, der über Aerts hinweg ins Tor sprang, treibt Hertha-Fans bis heute die Zornesröte ins Gesicht. Während der Unioner seither zehrt vom Status als "Derby-Held".

Auch auf der Hertha-Seite gibt es Gewinner: Ronny, der einzige Spieler, der zwei Derby-Tore erzielt hat. Sascha Burchert hat gegen Union eines seiner besten Hertha-Spiele abgeliefert, nur weiß das kaum noch jemand. Der Torwart erfuhr in der Alten Försterei Minuten vor dem Anpfiff, dass er spielen soll, weil Stammkeeper Thomas Kraft kurzfristig passen musste. Hertha gewann 2:1. Im Anschluss ­beklagte der Unioner Christopher Quiring, es mache ihm schlechte Laune, "wenn die Wessis in meinem ­Wohnzimmer feiern".

Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen: Hertha gegen Union war Stadtgespräch. Ob in der Kneipe oder am Arbeitsplatz. Die Rivalität lebt. Aktuell stichelt Union-Spielmacher Felix Kroos: Nein, als Fußballfan würde er sich bei Hertha nicht ins Olympiastadion setzen. Geschenkt, das gehört dazu. Zumal anders als unter Spielern und Fans, der Draht der Verantwortlichen intakt ist.

So bot Hertha einst an, den Anstrich der Außenwand am Haus von Union-Pressesprecher Christian Arbeit zu bezahlen (was der ablehnte). In der Nacht vor einem Derby war die mit blau-weißen Farbbeuteln beworfen worden. Die Medienabteilungen teilten sich bei Reisen zu DFL-Pressesprecher-Tagungen schon mal einen Mietwagen. Die Präsidenten Werner Gegenbauer (Hertha) und Dirk Zingler (Union) treffen sich gemeinsam beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller, um gute Bedingungen für den Berliner Profifußball heraus zu handeln. Ohne Darmstadt oder Ingolstadt oder Braunschweig zu nahe treten zu wollen: Eine Bundesligasaison mit Duellen zwischen Hertha und Union hat eine ungleich größere Strahlkraft für Fußball-Berlin.

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