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Fruchtbarkeit bei Krebs erhalten

Schon sehr junge Patientinnen müssen an Familienplanung denken. Oft wird das vergessen

Essen. Wenn ein junges Mädchen an Krebs erkrankt, müssen viele Dinge besprochen und geregelt werden: Welche Art der Therapie wird sie erhalten? Wann kann damit begonnen werden? Wie ist ihre Prognose? Mit welchen Nebenwirkungen muss man rechnen? All diese Fragen sind naheliegend, jeder würde sie stellen.

Weniger naheliegend mag es erscheinen, an diesem Punkt weit in die Zukunft zu blicken und sich zu fragen, ob das junge Mädchen, das jetzt 14, oder neun, oder vielleicht erst vier Jahre alt ist, später einmal Kinder haben möchte. Daran werden die wenigsten Eltern denken.

Doch genau das sollten sie unbedingt tun, meint Privatdozentin Dr. Nicole Sänger. Die Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt leitet gemeinsam mit der Kinderärztin Dr. Andrea Jarisch das "Frankfurter Modell". Dieses interdisziplinäre Projekt soll sicherstellen, dass alle krebskranken Kinder und Jugendlichen, die im Klinikum betreut werden, gemeinsam mit ihren Eltern über die Möglichkeiten zur Erhaltung der Fruchtbarkeit informiert und auf Wunsch entsprechend behandelt werden.

Deutschland hinkt hinter anderen Ländern her

Gleiches gilt für Patientinnen, die aufgrund von gutartigen Erkrankungen eine Stammzellspende benötigen. Denn das Risiko, dass Bestrahlung und Chemotherapie die jungen Mädchen einer wichtigen Zukunftsentscheidung berauben, indem sie ihre Eierstöcke teilweise oder vollständig funktionsunfähig machen, kann je nach Diagnose groß sein. Deshalb werden erwachsene Frauen ganz selbstverständlich über mögliche Gegenmaßnahmen aufgeklärt. "Das sind keine neuen und experimentellen, sondern mittlerweile gut etablierte Verfahren", sagt Nicole Sänger. "Dennoch werden uns Reproduktionsmedizinern bislang kaum Kleinkinder vorgestellt – aber sie sollten mit in den Fokus."

Seit etwa zehn Jahren treten mehr und mehr Kinderwunschzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz dem Netzwerk Fertiprotekt bei, um flächendeckend möglichst viele Frauen und Mädchen fertilitätserhaltend behandeln zu können. An einigen deutschen Kliniken, so auch am Universitätsklinikum in Frankfurt, funktioniere die Zusammenarbeit aller beteiligten Fachrichtungen daher bereits sehr gut, sagt Sänger.

Doch im Vergleich etwa zu den skandinavischen Ländern oder Frankreich hinke man noch weit hinterher. Vielerorts fehle es an einer präzise durchstrukturierten Koordination der einzelnen Fachdisziplinen, zumindest bislang. "Die Motivation, solche Konzepte zu entwickeln, ist bei Kinderärzten und Reproduktionsmedizinern allerdings sehr hoch."

Angesichts der mittlerweile sehr guten Heilungschancen junger Krebspatientinnen erscheint es nur logisch, ihre Zukunft als erwachsene Frauen von der Diagnose an im Blick zu behalten. Welche Methode zur Anwendung kommt, hängt vom Alter der Patientin ab, von ihrer Grunddiagnose und der entsprechenden Risikoeinschätzung für eine Eierstockschädigung, davon, wie viel Zeit bis zum Therapiebeginn bleibt, sowie vom Wunsch der Eltern und des Kindes.

In manchen Fällen bietet sich eine medikamentöse Inaktivierung des Eierstocks an, in anderen, die eine Bestrahlung im Bereich des kleinen Beckens erfordern, kommt eine operative Verlagerung des Eierstocks in Betracht.

Hauptsächlich sind allerdings zwei andere Verfahren relevant: Ist der Körper der jungen Frau bereits geschlechtsreif, lässt sich mit Hormonen die Reifung mehrerer Eizellen anregen. Diese werden dann entnommen und eingefroren. "Das kommt aber in der Regel nur infrage, wenn das Mädchen schon Geschlechtsverkehr hatte und bei erwachsenen Patientinnen", erklärt Nicole Sänger, "da die Eizellen durch die Scheide entnommen werden." Später können sie dann künstlich befruchtet und der erwachsenen Frau wieder eingesetzt werden. Allerdings erfordert dieses Vorgehen mindestens zwei Wochen Zeit – oft liegen zwischen Diagnose und Behandlungsbeginn aber nur wenige Tage. In diesem Fall kann eine andere Methode zum Einsatz kommen, die sich auch für junge Mädchen vor der Pubertät eignet: die Entnahme und Konservierung von Eierstockgewebe. Wenn das Mädchen erwachsen ist und Kinder bekommen möchte, kann das Gewebe retransplantiert werden.

"Es besteht eine gute Chance, dass das Gewebe wieder angenommen wird und eine Reifung von Eizellen erfolgen kann", weiß Sänger. Innerhalb der vergangenen 15 Monate wurden in Frankfurt 25 Mädchen auf diese Weise behandelt, elf davon vor der Pubertät. Das jüngste war zwei Jahre alt. "Die verschiedenen Verfahren lassen sich je nach Alter der Patientin und Zeit bis zum Beginn der onkologischen Therapie bei Bedarf auch kombinieren", sagt Nicole Sänger. "Sie bieten natürlich keine hundertprozentige Sicherheit dafür, dass die Fruchtbarkeit gerettet werden kann, aber die Daten für die Behandlung erwachsener Frauen sind sehr gut." Bei Kindern und Jugendlichen werden die Therapien nicht lange genug angewandt, um aussagekräftige Zahlen zu liefern – doch erste Erfolgsgeschichten stimmen die Expertin positiv: "Eine Patientin wurde als Neunjährige präpubertär operiert, und hat jetzt, mit 24 Jahren, ihr erstes Kind zur Welt gebracht."

Weil Nicole Sänger weiß, dass das Thema Fruchtbarkeitserhalt angesichts der schwierigen Lage nicht die erste Sorge vieler Eltern ist, nimmt sie sich viel Zeit für die Beratung. Die Reaktionen seien ausschließlich positiv. Selbst diejenigen, die sich bewusst gegen die fertilitätserhaltenden Maßnahmen entscheiden, seien dankbar, vor die Wahl gestellt zu werden. Von den deutschen Krankenkassen werden der Eingriff und die Konservierung von Eizellen oder Eierstockgewebe bislang weder bei Erwachsenen noch bei Kindern übernommen. Erst im vergangenen Jahr hat ein Urteil des Landessozialgerichts Hessen die Kassen in dieser Praxis ausdrücklich bestätigt.

Im Ausland geht es teilweise wesentlich patientenfreundlicher zu: In einigen nordischen Ländern, schildert die Ärztin, übernähmen die Kassen zumindest einen Teil der Kosten; in Frankreich werde die Behandlung komplett bezahlt. Trotzdem ist Nicole Sänger davon überzeugt, dass auch in Deutschland wesentlich mehr Patientinnen die Möglichkeiten der Fertilitätserhaltung in Anspruch nehmen und davon profitieren würden, wenn sie – oder ihre Eltern – genauer darüber Bescheid wüssten.

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