Krankenkassen

Therapie für Pädophile: Damit sie nicht zu Tätern werden

In einem Modellprojekt zahlen gesetzliche Krankenkassen die Therapie von Pädophilen. So sollen Kinder vor Missbrauch geschützt werden.

Die Idee einer neuen Therapie: Die Fantasie der Betroffenen soll in der Realität nicht zu einem Übergriff auf ein Kind oder zum Konsum von Missbrauchsabbildungen führen.

Die Idee einer neuen Therapie: Die Fantasie der Betroffenen soll in der Realität nicht zu einem Übergriff auf ein Kind oder zum Konsum von Missbrauchsabbildungen führen.

Foto: iStock/DavidBGray / iStock

Berlin.  Der sexuelle Missbrauch an Kindern geschieht meist im Verborgenen, im sogenannten Dunkelfeld. Rund 14.000 Taten werden der Justiz jedes Jahr in Deutschland bekannt, die Zahl der Fälle im Dunkelfeld ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bedeutend höher. Ein Teil der Täter ist pädophil, fühlt sich also sexuell von Kindern angezogen.

Für diese sexuelle Präferenz gibt es keine Heilung. Doch Betroffene können lernen, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass aus Fantasie keine Tat wird. So gründete sich 2005 an der Berliner Charité das "Präventionsprojekt Dunkelfeld". Nun könnten Therapieangebote wie diese künftig zu einer Regelleistung der gesetzlichen Krankenkasse werden.

Für jedes Jahr stehen fünf Millionen Euro bereit

Zunächst wird für fünf Jahre ein Modellprojekt finanziert. Das haben Bundestag und Bundesrat Ende 2016 auf Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) beschlossen. Insgesamt fünf Millionen Euro stehen dafür jedes Jahr zur Verfügung. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet.

Die Krankenkassen betreten damit Neuland. "Der Gesetzgeber hat der gesetzlichen Krankenversicherung den Auftrag erteilt, entsprechende Modellvorhaben, die ursprünglich nicht zum Aufgabenbereich der gesetzlichen Krankenversicherung gehören, zu finanzieren", sagt der Sprecher des GKV-Spitzenverbands auf Anfrage. Derzeit erarbeite man die Kriterien, anhand derer entschieden werden wird, ob ein Therapieangebot förderungswürdig ist.

Politisch ist es eine mutige Entscheidung, die Beitragszahler in die Finanzierung einzubeziehen. Denn Pädophilie ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Opferschützer sprechen von einem "Baustein unter vielen". Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was ist Pädophilie?

Pädophilie ist eine international anerkannte Diagnose der WHO. Sie beschreibt die sexuelle Ansprechbarkeit auf das kindliche Körperschema. "Betroffene stellen fest, dass in ihren Fantasien kindliche Körper auftauchen", erklärt Professor Klaus M. Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft an der Berliner Charité und Gründer des "Präventionsprojekts Dunkelfeld". Die Betroffenen fühlen sich zu Jungen oder Mädchen, manchmal zu beiden, hingezogen.

Wie hoch der Anteil der Menschen mit dieser sexuellen Präferenz ist, ist unklar. Vorsichtige Schätzungen gehen von einem Prozent der Männer in Deutschland aus und unterscheiden davon diejenigen, die durch Körper erregt werden, die schon Merkmale der Pubertät aufweisen. Dann sprechen Wissenschaftler von Hebephilie, deren Häufigkeit vermutlich noch höher liegt. Pädophilie wird fast ausschließlich bei Männern diagnostiziert.

Was sind Ursachen für Pädophilie?

Wie auch andere sexuelle Präferenzen, bildet sich die Pädophilie im Jugendalter unter dem Einfluss der Hormone heraus. Doch bei der Suche nach Ursachen stehen Forscher noch am Anfang. "Man kann nicht einmal herleiten, warum die meisten Menschen auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts ausgerichtet sind", sagt Beier.

Wissenschaftler diskutieren verschiedene Ursachen für eine Pädophilie: hormonelle Auffälligkeiten, eigene sexuelle Missbrauchserfahrungen oder frühe Bindungsstörungen.

Wird jeder Pädophile übergriffig?

Nein. Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" betont immer wieder, dass eine Fantasie nicht zwangsläufig zur Tat wird. "Die Menschen tun sich schwer damit, das zu trennen", sagt Beier. "Sie verurteilen Pädophile reflexartig. Gerade wenn es um Kinder geht, sind viele Emotionen im Spiel."

So haben Forscher der TU Dresden herausgefunden, dass rund 40 Prozent der Befragten der Meinung sind, Pädophile, die bislang keine Straftat begangen haben, sollten präventiv inhaftiert werden. 14 Prozent sagten, sie sollten besser tot sein.

Hinzu kommt: Etwa 60 Prozent der Täter, die sich an einem Kind vergehen, sind nicht pädophil. Sie wünschen sich zwar sexuelle Kontakte mit Erwachsenen, missbrauchen Kinder aber aus unterschiedlichen Gründen, wie etwa Persönlichkeitsstörungen.

Wo setzt die Therapie an?

Der Ansatz ist ein präventiver. Die Therapie soll sexuellen Missbrauch verhindern, indem Pädophile lernen, mit ihrer Neigung so umzugehen, dass sie niemandem schaden. "Wir werfen niemandem die Neigung vor", sagt Beier, "wir erwarten aber, dass Pädophile die Fähigkeit aufbringen, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass Kinder nicht zu Schaden kommen. Wenn sie sich dazu nicht in der Lage fühlen, helfen wir."

Was sind Inhalte der Therapie?

Die Teilnehmer können sich anonym melden und es im Verlauf der etwa anderthalb Jahre dauernden Therapie bleiben. Sie lernen ihre Impulse zu kontrollieren, Risikosituationen zu erkennen und Opferempathie zu entwickeln. Sie arbeiten an ihrem Selbstwert und sollen sich Zukunftsperspektiven aufbauen. Viele Teilnehmer nutzen Medikamente zur Regulierung sexueller Bedürfnisse.

Ziel ist auch, Betroffene aus der Isolation zu holen – denn die birgt Gefahren. "Die Forschung konnte zeigen, dass Rückzugstendenzen aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung Risikofaktoren für tatsächliche Übergriffe und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen sind", erklärt Klaus Beier. Ideal sei es, schon Jugendliche mit dem Programm zu erreichen, damit sie gar nicht erst in die Isolation geraten. Seit 2014 gibt es an der Charité ein entsprechendes Angebot (du-traeumst-von-ihnen.de).

Wer darf teilnehmen?

Wichtigste Voraussetzung ist das Vorliegen einer Pädophilie. Nur weil Menschen bei sich diese Neigung vermuten, muss das nicht der Realität entsprechen. Juristische Auflagen dürfen nicht vorliegen. "So schließen wir aus, dass sich Betroffene für die Therapie entscheiden, weil sie auf Straferleichterung hoffen", sagt Beier. Ausschlusskriterium ist auch Suchtmittelabhängigkeit oder eine psychiatrische Störung, die zuerst behandelt werden müssen.

Wenn die Therapeuten Gefahr für ein Kind sehen – wie reagieren sie?

Die soziale Kontrolle kann erhöht werden. Die Therapeuten können in Absprache mit dem Betroffenen die Eltern der Nichte informieren, von der etwa die Rede ist, und Regeln für ein Aufeinandertreffen vereinbaren. Auch der Einsatz von Medikamenten ist möglich. Wenn sich der Betroffene darauf nicht einlässt und die Therapeuten das Risiko eines Übergriffs sehen, könnten sie im Einklang mit dem Kinderschutzgesetz das Jugendamt einschalten und als äußerste Möglichkeit ihre Schweigepflicht brechen. "Wir würden argumentieren, dass das Rechtsgut, das hier verletzt wird, höher ist als das Rechtsgut der Schweigepflicht", erklärt Beier.

Was sagen Opferschützer?

Inzwischen sind sich die meisten einig, dass therapeutische Angebote für potenzielle Täter sexuellem Missbrauch vorbeugen können. "Sie erreichen eine wichtige Zielgruppe. Aber sie sind auch kein Allheilmittel", sagt Julia von Weiler, Vorstandsmitglied der Organisation "Innocence in Danger". Wichtig sei, Tätertherapie und Opferhilfe nicht gegeneinander aufzurechnen. Beides müsse ausreichend finanziert sein.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht gegenüber dieser Zeitung von einem "wichtigen Baustein der Prävention". Die Tätertherapie ersetze jedoch nicht die pädagogische oder institutionelle Prävention an Kitas oder Schulen. Auch gehe der Blick auf die vielen Täter, "die keineswegs nur Kinder begehren, leider noch allzu oft verloren".

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