Berlin-Kreuzberg

Café-Gründerin: "Ich bin volles Risiko gegangen"

Ihren festen Job hängte Politologin Johanna Schellenberger an den Nagel. Im Graefe-Kiez gründete sie zwei Cafés – mit vollem Erfolg.

Johanna Schellenberger gehört das Le Bon Food & Drink in Kreuzberg.

Johanna Schellenberger gehört das Le Bon Food & Drink in Kreuzberg.

Foto: Christian Kielmann

Berlin.  Risikobereitschaft gehört zu Johanna Schellenberger wie cremiger Cappuccino und selbst gebackene Zimtschnecken. Sie verließ den halbwegs sicheren Hafen einer festen Anstellung und machte sich selbstständig: mit einer Kaffeebar und dem Café "Le Bon", beide im und am Graefe-Kiez in Kreuzberg gelegen.

Dort wirtschaftet Johanna Schellenberger nachhaltig. Es gibt vegetarische und vegane Gerichte aus Biozutaten. Den Kaffeesatz, der bei den mehr als 400 Cappuccini und Espressi täglich anfällt, gibt sie weiter an das Berliner Unternehmen Kaffeeform, das ihn verhärtet. Anschließend werden daraus in Kooperation mit einer Behindertenwerkstatt neue Produkte gemacht – Tassen beispielsweise.

Mit Lebensmitteln hat Johanna Schellenberger nicht immer gearbeitet. Aber mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt sie sich schon lange: während ihres Politikstudiums an der Freien Universität wie auch bei ihrer Tätigkeit für Bündnis 90/Die Grünen. Zunächst war Schellenberger als Koordinatorin für Kunst und Kultur im Wahlkampf 2009 aktiv, in der folgenden Legislaturperiode arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für eine grüne Abgeordnete im Bundestag.

Das Leben findet nicht am Schreibtisch statt

Schellenberger schrieb Reden, recherchierte, bereitete Anträge vor. "Es war eigentlich das, was ich machen wollte", sagt die 34-Jährige rückblickend. "Ich wollte wissen, wie Politik funktioniert." Und sie dachte, etwas in der Gesellschaft verändern zu können.

Nach zweieinhalb Jahren merkte Schellenberger, dass das Leben nicht am Schreibtisch stattfand. "In der Stadt passierte total viel, während ich zwölf Stunden am Tag arbeitete." Aber sie hatte einen Plan B. Eigentlich eine Idee für später, wenn sie älter sein würde: das eigene Café. Schellenberger war 27, als sie ihren Job bei den Grünen kündigte. "Ich bin voll auf Risiko gegangen."

Beim Spaziergang durch Kreuzberg entdeckte sie ein leeres Ladenlokal. "Ich wollte ein schwedisches Café eröffnen, einen Ort, an dem sich Kreative treffen", erzählt sie. Zimtschnecken hatte sie schon immer gern gebacken und auch auf Märkten verkauft. Darauf wollte sie aufbauen.

Konzept und Businessplan geschrieben

Gemeinsam mit einem Existenzgründungscoach arbeitete sie Konzept und Businessplan aus. In der Berlin School of Coffee machte sie einen Barista-Kursus. Ein kleine Erbschaft deckte genau die 20 Prozent Eigenkapital ab, die die Bank für den Kredit forderte. Zwischen Pizzaladen und Dönerbude war ihre Kaffeebar im Jahr 2011 noch eine Exotin. Cafés mit schlichter Einrichtung und hochwertigem Kaffee gab es damals hauptsächlich in Berlins hipper Mitte.

In der ersten Zeit stand Johanna Schellenberger allein im Laden, bereitete Espresso zu, buk Kuchen. "Dadurch dass ich selber hinterm Tresen stand, habe ich mitbekommen, was die Gäste sich wünschten, und habe darauf reagiert." Sie erweiterte ihr Angebot und engagierte Mitarbeiter. "Zehn können mit der Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten, die anderen sechs sind Aushilfen auf Minijob-Basis."

Ein zweites Ladenlokal ganz in der Nähe

Als ihr 2014 ein Ladenlokal in der Nähe angeboten wurde, griff Schellenberger zu. "Ich konnte in der Kaffeebar nicht alles ausleben, was ich mir vorstellte", sagt sie. Das Lokal in der Boppstraße nannte sie "Le Bon", stellte einen Koch ein und bot Frühstück, Mittag- und Abendessen an.

Für die Kaffeebar hat Schellenberger inzwischen eine Teilhaberin ins Boot geholt. Sie teilen sich die Arbeit. "Ich mache alles, was im Hintergrund läuft", sagt die Gründerin. Buchhaltung, Absprachen mit Lieferanten, Personalfragen. Zudem arbeitet sie immer noch drei Schichten wöchentlich im "Le Bon". "Der Kontakt zu den Kunden und meinen Mitarbeitern ist mir sehr wichtig."

Die Arbeit macht ihr Spaß, ihre Läden laufen. Dennoch zog Johanna Schellenberger die Notbremse. "Ich habe nur noch gearbeitet", sagt sie. Also stellte sie das Konzept vom "Le Bon" auf den Kopf, schloss die Abendküche, etablierte einen Catering-Service und vermietet die Räume nun, wenn das Tagesgeschäft beendet ist. So kann sie sich aussuchen, welche Events sie ausrichtet. In ihrer Selbstständigkeit setzt sie jetzt um, was sie in der Politik nicht vermocht hat: verändern, Einfluss nehmen. "Allein dadurch, welche Produkte ich wähle und wie ich mein Unternehmen führe."

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