Betrüger

Falsche Spendensammler machen Kasse

Professionelle Banden aus Osteuropa haben in Berlin mit der Mitleidsmasche großen Erfolg. Die Zahl ihrer Taten nimmt weiter zu.

Foto: BM

Sie rennen flink auf dem Bürgersteig des Kurfürstendamm umher, gestikulieren heftig und halten Passanten ein Klemmbrett mit einer Unterschriftsliste und darauf prangendem Behinderten-Logo hin: junge Menschen, die sich taubstumm geben und das Geld ihrer Opfer wollen. Im besten Fall verschwindet nur ein kleiner gespendeter Betrag in den Taschen der Kriminellen. Oft nutzen sie jedoch die Gelegenheit auch noch zu einem Taschendiebstahl.

Sogenannte Spendensammelbetrüger machen immer mehr Beute. Schon 240 Strafanzeigen lagen der Berliner Polizei bis Anfang des Monats wegen solcher Taten vor. Tendenz: steigend. Im Landeskriminalamt sind die Ermittler überzeugt, dass die Zahl von 250 im vergangenen Jahr angezeigten Taten 2016 deutlich übertroffen wird. "Unter Beachtung des anlaufenden Weihnachtsgeschäftes ist von einer Steigerung der Zahlen bis Jahresende auszugehen", formuliert es Polizeisprecher Carsten Müller.

Klopfen, Schlitzen, Rempeln - die Tricks der Taschendiebe

Die Angehörigen der professionellen osteuropäischen Banden sind meist in größeren Gruppen unterwegs, die sich in ihrem jeweiligen "Arbeitsgebiet" locker verstreuen. Außer auf dem Kurfürstendamm sind die Täter sehr häufig auch im Bereich Friedrichstraße, Alexanderplatz oder Unter den Linden anzutreffen. Orte, an denen besonders viele Touristen flanieren, versprechen gute Einnahmen. In gelockerter Urlaubsstimmung zieht die Mitleidsmasche, der Argwohn schwindet, es wird schneller gespendet.

Diese Berliner Bahnhöfe sind besonders gefährlich

Dass die Kriminellen für nicht existente Organisationen sammeln, fällt den Opfern nicht auf. Die Betroffenen werden durch Symbole für Rollstuhlfahrer und Gehörlose auf den Listen hereingelegt. "Dieser Landesverband ist nicht existent. Das Geld wird ausschließlich durch die Betrüger für den eigenen Lebensunterhalt verwendet", warnt die Polizei nachdrücklich vor den Machenschaften.

Die Zahl der Strafanzeigen spiegelt vermutlich nur einen Bruchteil des Tataufkommens wider. Denn die meisten Betroffenen, denen die Sammelaktion im Nachhinein doch dubios vorkommt, machen sich wegen eines kleinen Geldbetrages nicht auf den Weg zur Polizei.

Die Polizei setzt nun verstärkt auf Vorbeugung. An den Orten, an denen die zumeist aus Osteuropa stammenden Gruppen häufig auftreten, wurden Plakate in deutscher und englischer Sprache aufgehängt, die vor den Betrügern warnen. Außerdem werden regelmäßig Flyer verteilt. Die Berliner Polizei und die Bundespolizei arbeiten dabei eng zusammen, um auch Berlin-Touristen verstärkt zu erreichen. Die Polizei hat außerdem Hoteliers dafür gewonnen, die zweisprachigen Warnblätter auch in Gästemappen aufzunehmen, die in großen Hotels in den Zimmern ausliegen. Auch die sozialen Medien werden genutzt.

Schwerpunkteinsätze gegen vermeintliche Betrüger

Daneben startet die Polizei immer wieder Schwerpunkteinsätze gegen vermeintliche Spendensammelbetrüger und Taschendiebe. Gegen Verdächtige werden Platzverweise oder Aufenthaltsverbote ausgesprochen. Doch die Möglichkeiten der Behörden sind beschränkt. Im Land Berlin wurde im Jahr 2004 die Genehmigungspflicht für Sammlungen aufgehoben. Dies bedeutet unter anderem, dass Spendensammler keine für sie ausgestellten Sammlungsausweise mehr vorlegen müssen.

Ein Betrug wird nach Angaben der Polizei dann begangen, wenn jemand für einen nicht existierenden Verein beziehungsweise Organisation sammelt und der Spender sich auch betrogen fühlt. Viele Geldgeber lassen sich jedoch auch von der Mitleidstourüberzeugen und sind der Ansicht, eine gute Tat für einen bedürftigen Menschen begangen zu haben, ohne die hochprofessionellen kriminellen Strukturen hinter den Banden zu sehen oder sehen zu wollen.

Spende oft Vorwand für einen Taschendiebstahl

Oft aber kommt es noch schlimmer, wenn die vermeintlichen Spendensammler die günstige Gelegenheit nutzen, um einen Taschendiebstahl zu begehen. "Vielfach wird das Klemmbrett mit der Spendensammelliste auch dazu genutzt, um Taschen oder Geldbörsen abzudecken und Handys oder Geldbörsen zu stehlen", warnt die Polizei. Wende sich der Betroffene ab, komme die größere Gruppe näher zusammen und bedränge oder begleite das Opfer, bis es "entweder doch Geld spendet oder sich aus der Situation lösen kann". Diese Begleitung wird nach Erkenntnissen der Ermittler ebenfalls zum Taschendiebstahl genutzt.

Kürzlich versuchten sich auch Unbekannte an Haustüren als Spendensammelbetrüger. Nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) behaupteten die Täter, eine Haustürsammelaktion für die Organisation durchzuführen. Ein DLRG-Sprecher betonte jedoch, der Verein führe solche Aktionen gar nicht durch. "Es wird lediglich per Brief um Spenden gebeten", sagte Verbandssprecher Michael Neiße.

Nicht in die Wohnung lassen und die Polizei rufen

Stehe jemand vor der Tür und bitte um Spenden für die DLRG, "dann sollte man ihn in keinem Fall in die Wohnung lassen und die Polizei rufen. Es handelt sich um Betrüger", teilte Neiße weiter mit. Wer sicher sein wolle, dass sein Geld für die Unterstützung der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer auch ankomme, könne dies auf ein Spendenkonto überweisen.

Nach Polizeiangaben fertigen seriöse Spendensammler, die im Auftrag für entsprechende Organisationen und Vereine tätig sind, Listen mit den Personaldaten von Spendenwilligen. "Diese werden den Organisationen übergeben. Von dort aus erfolgt nochmals eine telefonische Nachfrage, ob derjenige tatsächlich spenden möchte. Erst dann erfolgt die Aufnahme von Kontodaten zum Lastschrifteinzug nach Zustimmung", erläutert Polizeisprecher Carsten Müller.

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