Sicherheit in Berlin

Polizei trainiert Anti-Terror-Übung am Flughafen Schönefeld

Bundespolizei und israelische Sicherheitsmitarbeiter der Fluggesellschaft El Al trainieren den Ernstfall.

Bundespolizisten haben bei einer Anti-Terror-Übung auf dem Flughafen Schönefeld einen vermeintlichen Attentäter außer Gefecht gesetzt

Bundespolizisten haben bei einer Anti-Terror-Übung auf dem Flughafen Schönefeld einen vermeintlichen Attentäter außer Gefecht gesetzt

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Vergangenen Sonnabend, 21.55 Uhr. Flughafen Schönefeld, Terminal D. Der Check-in für den Flug von Berlin nach Tel Aviv mit der israelischen Luftfahrtgesellschaft El Al hat begonnen. Augenzeugen beobachten, wie ein Mann ruhig auf Beamte der Bundespolizei zugeht. Er bleibt vor ihnen stehen, öffnet seine Jacke und zündet eine Sprengstoffweste. Die Explosion ist ohrenbetäubend, eine Stichflamme blendet die Augen. Passagiere werfen sich zu Boden, schreien vor Schmerzen und rufen um Hilfe. Andere rennen um ihr Leben. Sie stolpern über Koffer, reißen andere Fluggäste zu Boden. Dann fallen Schüsse.

Ein zweiter Attentäter schießt mit einer Maschinenpistole auf die Flüchtenden. Bundespolizisten eröffnen das Feuer auf den Mann, verfolgen ihn, suchen Deckung und warten auf Verstärkung. Mit ihren Schusswaffen im Anschlag sichern sie die Umgebung. Sie müssen damit rechnen, dass ein weiterer Sprengstoffattentäter im Terminal ist. Ein Beamter setzt über Funk einen Lagebericht ab. Zeitgleich haben die israeli­schen Sicherheitsmitarbeiter ihre Passagiere und Mitarbeiter in einen sicheren Raum getrieben, ihre Kollegen feuern auf den Attentäter. Der fällt tödlich getroffen zu Boden.

Flughafengesellschaft ließ das Terminal D schließen

Das Szenario spielt sich vor zwei Tagen ab. Und es ist zum Glück nur eine Übung. Beamte der Bundespolizei­inspektion Flughafen Berlin-Schönefeld und der El-Al-Security haben vier mögliche Szenarien trainiert, wie sie bei einer derzeitigen Gefährdungslage realistisch sein könnten. Nach den Anschlägen auf den Flughäfen in Istanbul und in Brüssel, seien solche Angriffe auch auf den Berliner Flughäfen denkbar, heißt es. Von 19 Uhr an hat die Flughafengesellschaft das Terminal D für die Vollübung schließen lassen. Die Abfertigungen mehrerer Flüge werden auf andere Terminals verteilt. Mehr als 170 Beamte sind im Einsatz. Als Streifenbeamte, Beobachter, Schiedsrichter, Fluggäste und Attentäter.

"Wir trainieren absichtlich nicht mit unseren Spezialeinheiten, sondern mit den Beamten, die täglich auf dem Flughafen ihren Dienst wahrnehmen und als erste Einsatzkräfte bei einem Anschlag am Ort des Geschehens sind", sagt der Vizepräsident der Bundespolizeidirektion Berlin, Ralph W. Krüger, der Berliner Morgenpost. "Die Beamten werden zeigen, was sie können, und wir werden diese Übung anschließend auswerten."

Begonnen hat der Abend mit einer Einsatzbesprechung, bei der auch zwei EL-AL-Sicherheitsmitarbeiter ausführlich über ihre Vorkehrungen dozieren. Man wolle sichergehen, dass alle Teilnehmer die Übung unverletzt überstehen. Geübt wird mit modifizierten Pistolen und Sturmgewehren, alle weiß lackiert. "Das ist für uns ein sehr wichtiges Training", sagt der EL-Al-­Mitarbeiter. "Unsere Ausbilder trainieren überall auf der Welt, und wir sind sehr froh, dass uns der Flughafen Schönefeld auch diese Möglichkeit bietet." Nach der Vorbesprechung müssen alle Teilnehmer ihre Dienstwaffen in den Waffenschränken einschließen.

Menschen geraten in Panik und flüchten

Ein Ehepaar gerät am Schalter in einen lautstarken Streit. Die Mitreisenden drehen sich nach dem Paar um. In diesem Moment zieht ein ebenfalls wartender Mann ein Messer aus seiner Reisetasche und sticht wahllos auf andere Fluggäste ein. Die Menschen geraten in Panik und flüchten. Nur wenige Sekunden später stürmt ein junger Mann durch die Menge, zieht beim Rennen seine Pistole aus dem Holster und schießt den Attentäter mit drei Schüssen nieder. Zeitgleich haben die El-Al-Mitarbeiter ihren Bereich evakuiert. Ein Bundespolizist stürzt sich auf den schwer verletzten Messerstecher und legt ihm die Handschellen an. Vermutlich überflüssig, denn der Schütze der EL AL hatte aus nächster Nähe auf den Attentäter gefeuert.

"Wir nehmen die Übungen auf und werden die Bilder zeitnah auswerten", sagt Polizeidirektor Moritz Wieck. "Besonders vor dem Hintergrund, Handlungsfelder zu entdecken, die man besser machen kann." Auf lange Sicht werde man die gewonnenen Erkenntnisse in die Fortbildung der Beamten einfließen lassen. "Vor dem Hintergrund der Erfahrungen unserer israelischen Partner sind ihre spezifischen Erfahrungen von besonderem Interesse und Wert für uns."

Zwei weitere Übungsszenarien stehen an diesem Abend noch auf dem Programm. Ein EL-AL-Mitarbeiter meldet einen bärtigen Mann, der auf einem Gebets­teppich kniet und geistesabwesend wirkt. Während die israelische Fluggesellschaft ihre Mitarbeiter und Passagiere in Sicherheit bringen lässt, treten drei Bundespolizisten an den Mann heran und versuchen, ihn anzusprechen. Ruhig, besonnen, mit auf den Mann gerichteten Waffen. Erst nach langen Gesprächen erhebt sich der Gläubige und lässt sich und seinen Rucksack durchsuchen. Ein Szenario, das sich bereits in der Realität abgespielt hat. Dabei wurde damals aber das Terminal komplett evakuiert.

Bei der letzten Übung werden wieder Handgranaten eingesetzt. Polizei und EL-AL-Mitarbeiter liefern sich einen Schusswechsel an zwei verschiedenen Orten im Terminal mit vermeintlichen Terroristen. Wie viele Tote und Verletzte zu beklagen sind, wird erst eine umfangreiche Auswertung ergeben. "Für das, was wir trainiert haben, kann ich ein gutes Fazit ziehen", sagt ein Trainer der Bundespolizei. "Wir können aber auch noch viel lernen. Nach oben ist noch Luft." Dann rollt er seinen Gebetsteppich zusammen und macht Feierabend.

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