Interaktive Anwendung

Wie eine S-Bahn Berlin verbindet

250 Linien bestimmen den Takt der Stadt – das zeigt ein neues Projekt der Morgenpost. Die S7 ist ein prägnantes Beispiel.

Die S7 durchquert das Viertel mit den höchsten Mieten der Stadt. Und sie endet da, wo Wohnen stadtweit am wenigsten kostet

Die S7 durchquert das Viertel mit den höchsten Mieten der Stadt. Und sie endet da, wo Wohnen stadtweit am wenigsten kostet

Foto: Reto Klar

Es gibt diese Orte, an denen die Stadt plötzlich langsam wird. An denen die Maschine stoppt, quietschend und summend, und die Stadtmenschen aus der S-Bahn in die Freiheit entlässt. Am Bahnhof Wannsee schaut man dann statt aufs Häusermeer auf einen Schwarm Segelboote. Oder auf die Bänke am Ufer: eine lesende Frau, drei Jungs mit Kapuzen, ein Mann mit Laptop. Es fällt auch der einsame Mann mit dem Bier auf, der im Gewimmel am Bahnhof Zoo untergegangen wäre.

Das Schöne an Berlin ist, dass man für solche Entdeckungsreisen kein Flugzeug braucht und nicht mal ein Auto. Es reicht eine Fahrt mit Bus, U- oder S-Bahn, um die Stadt im Wortsinn zu "erfahren". Wie sind wir denn so? Die S-Bahnlinie 7 liefert dazu gegensätzliche Antworten – und das auf 47 Kilometern. Wir sind reich – in den Villenvierteln am Wannsee. Wir sind arm – in den Neubauvierteln des Ostens am anderen Ende der Linie. Die S7 durchquert das Viertel mit den höchsten Mieten der Stadt. Sie endet da, wo Wohnen stadtweit am wenigsten kostet. Das sind die statistischen Daten, die man in der neuen Interaktiv-Anwendung der Berliner Morgenpost, ablesen kann. Und wie lebt es sich konkret?

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Nirgendwo an der Bahnstrecke wohnen weniger Menschen mit Migrationshintergrund als am Wannsee, was die drei 17-Jährigen Kapuzenjungs auf der Bank bestätigen. Sie finden es eher kurios, dass sie in der Grundschule nur "biodeutsche" Mitschüler hatten. "Normal" ist für sie das Leben auf dem Gymnasium in Charlottenburg. Das Stadtviertel Wannsee mögen sie, einerseits. Wer will nicht am Wasser wohnen und im feinsten Viertel der Stadt? Andererseits ist es langweilig, was die Club-Quote der Statistik bestätigt. Für Wannsee steht da: "Null". Aber die S7 fährt ja glücklicherweise bis zur Warschauer Straße. Dort gibt es gleich 58 Clubs, mehr als irgendwo sonst in Berlin.

Villen und Säulen, Wintergärten und Flieder

Auf den Bahnsteigen am Wannsee kreuzen Schulklassen und Pendlerscharen, aber kaum Anwohner mit Einkaufstaschen – laut Statistik gibt es auch keine Supermärkte. Hinterm Bahnhof an der "Reichsbahnstraße" beleuchtet eine altmodische Gaslaterne den helllichten Tag, als hätte einst jemand vergessen, das Licht auszumachen. Die Strecke Potsdam-Berlin war 1874 die erste Berliner Vorortstrecke. Von hier kam alles, was die wachsende Stadt brauchte – die Menschen zur Arbeit, das Baumaterial und das Geld auch. Wer adlig war, reich, wichtig oder alles zusammen, der wohnte in Potsdam oder am Wannsee. Wie heute auch wieder.

Die heutige S7 verlässt die historische Strecke bald. Sie durchquert den Grunewald, parallel zur Avus. Flimmernd fällt Sonnenlicht in die Waggons, rechts glitzert Wasser, links liegen Kleingärten, Waldwege. Ein Stopp in Nikolassee, dann: Bahnhof Grunewald. Ein "Rekordbahnhof": Mit 34.739 Euro liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen hier höher als sonst irgendwo an der Linie. Rund um den Bahnhof Grunewald wählen mehr Menschen CDU und FDP als an den anderen Stationen – 31,1 bzw. 24,1 Prozent (2016). Dafür gibt es hier laut den Zahlen gar keine Kinder. Vielleicht ist es deshalb so leise.

Wo Berlin wie Hamburg ist, denkt man, wenn man den Bahnhof Grunewald umrundet. Villen, Säulen, Wintergärten und Flieder, dazwischen Menschen auf teuren Hollandrädern. Am Straßenrand parken Cabrios. Aber dann wirbt der Edeka am Bahnhof im Eingang groß mit Discountpreisen und die Gaststätten am Bahnhof bieten preiswerte Küche, den Seniorenteller zu 10,50 Euro. Reichtum? Tatsächlich leben in Grunewald 11,6 Prozent der Anwohner von Hartz IV.

Was erstaunt, sind die Mietpreise. Sie liegen in den Villenvierteln des Südwestens bei moderaten zehn Euro kalt, erst in Charlottenburg wird es teurer. Ein Blick aus den Zugfenstern liefert eine Erklärung: in Wannsee und Grunewald wohnen viele Menschen im eigenen Haus. Erst ab Charlottenburg säumen die typischen Berliner Mietskasernen die Strecke. In Charlottenburg steigen Menschen mit Tüten und Taschen ein, nirgendwo an der S7 gibt es mehr Super- und Biomärkte als hier. Hier liegt die Wilmersdorfer Straße, Berlins bekannteste Fußgängerzone.

Am Bahnhof Friedrichstraße gibt es einen weiteren statistischen Rekord: die meisten Fahrraddiebstähle entlang der S7. 36 Fahrräder werden hier pro 1000 Einwohner geklaut, gut viermal so viel wie im Berliner Durchschnitt. Die Räder erzählen viel über das Leben rund um die Friedrichstraße. Wer hier in der Nähe wohnt, fährt morgens mit Rad und Bahn zur Arbeit, ist statistisch gesehen eher zugezogen als Berliner und keinesfalls Hartz-IV-Empfänger. Das trifft im Grunde selbst auf die Obdachlosen am Bahnhof zu. Sie kommen aus Polen und überleben ohne Hartz IV.

Die höchsten Mieten der S7 liegen am Hackeschen Markt

Wohnen, wo andere Urlaub machen: Die höchsten Mieten der S7 liegen am Hackeschen Markt. In einem Hausflur hängt ein Schild, in dem die "legalen und illegalen" Ferienwohnungsbewohner auf Englisch gebeten werden, die Tür geschlossen zu halten, "damit wir nicht die Polizei rufen müssen, um bewusstlose Crack­süchtige aus dem Hausflur zu bekommen".

Am Alexanderplatz wechselt das Publikum der S7. Statt Hipstern sitzen jetzt junge Frauen mit künstlich roten Haaren in der Bahn, statt Männern im Anzug solche in Malerklamotten mit Bier. An der Jannowitzbrücke steigen viele ältere Menschen aus, rund jeder Dritte ist hier älter als 65. Zwei Stationen später an der Warschauer Brücke sind es nur noch 2,2 Prozent. Ab Lichtenberg erheben sich vor den Zugfenstern wie die Alpen die Plattenbauviertel Ost-Berlins. In Marzahn haben erstaunlicherweise laut Statistik mehr Menschen einen Migrationshintergrund als am Kottbusser Tor – etwa 70 Prozent. Die Geschäfte erzählen von den Herkunftsländern: Russland, Polen, Vietnam.

Der einzige Bahnhof, an dem mehr Kinder als alte Menschen wohnen und mehr Berliner als Zugezogene, liegt ganz am Ende der S7. Wer aussteigt ist zurück in den früheren 90er-Jahren. Vernagelte Fenster, geschlossene Läden, die Plattenbauten sind nur teilweise saniert. Die Mieten liegen hier niedriger als irgendwo sonst in der Stadt. Auf der einen Seite des Bahnhofs liegt ein Bordell, auf der anderen ein Dart-Club. Alle zehn Minuten kommt ein Zug aus der Stadt und kehrt wieder um.

Kann man hier glücklich sein? Jeni ist 28 und hier aufgewachsen. Sie sagt: Für Kinder sei das Viertel schön, "es liegt am Stadtrand, es gibt schöne Spielplätze". Als sie älter wurde, zog sie weg und kommt heute doch wieder her – "zum Arbeiten, ausgerechnet", sie lacht. Gut ein Drittel der Anwohner lebt von Hartz IV. Die Kaufkraft ist hier ziemlich genau halb so groß wie in Grunewald. Dafür ist die Enttäuschung größer: 2016 wählten rund 30 Prozent die AfD, Spitzenwert in Berlin. Jeni führt die Aufzählung der Tristesse fort. Die Videothek ist weg, die Disco ebenso, zu viel Ärger mit betrunkenen Jugendlichen. Sie selbst arbeitet in einem Casino. Davon gibt es gleich drei, hier an der vielleicht traurigsten Endstation von Berlin.

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