Doubles in Berlin

Echt nicht wahr - Das sind die Imitatoren der Stars

Marilyn, Freddie, Amy & Co.: Seit 20 Jahren faszinieren die Doubles von „Stars in Concert“ Berlin - und locken Touristen in die Stadt.

Die Victoria B ar in Schöneberg hat ganz besonders prominente Gäste: Tina Turner, Elvis Presley, Amy Winehouse, Freddie Mercury und die Blues Brothers geben sich die Ehre

Die Victoria B ar in Schöneberg hat ganz besonders prominente Gäste: Tina Turner, Elvis Presley, Amy Winehouse, Freddie Mercury und die Blues Brothers geben sich die Ehre

Foto: Reto Klar

Der Barkeeper in der kultigen Victoria Bar staunt nicht schlecht, als die vier Männer und zwei Frauen zum Fototermin erscheinen. Noch sehen Rachel Hiew, Dorothea "Coco" Fletcher, Lee Garcia, Grahame Patrick und die Brüder Chris und Geoff Dahl nicht aus wie weltbekannte Stars. Aber zwanzig Minuten später scheint es, als säßen Amy Winehouse, Tina Turner, Freddie Mercury, Elvis Presley und die Blues Brothers an der Bar. Mit Kostümen, Perücken und etwas Make-up haben sie sich innerhalb von Minuten in Weltstars verwandelt. In ihrem Outfit stehen sie mehrere hundertmal im Jahr auf der Bühne des Estrel Festival Centers und ermöglichen dort, teilweise schon lange verstorbene Superstars live zu erleben. Oder zumindest die Illusion davon.

Oder fangen wir anders an: S-Bahnhof Sonnenallee. Auf dem Weg zum Bahnsteig drehen sich alle um, Pendler, Männer, Frauen, Kinder, Hipster, Flaschensammler. Wie gebannt starren sie auf die Erscheinung Suzie Kennedy. In ihrem schulterfreien, kirschroten Etuikleid sieht sie Marilyn Monroe so ähnlich, dass man sich kneifen muss, um sicherzustellen: Nein, man träumt nicht. Die Augen der Männer kleben wie magnetisiert am üppigen Dekolleté der Blondine. Als Suzie kurz darauf in der Raucherkneipe "Am S-Bahnhof Sonnenallee" am Tresen Platz nimmt, muss Elektriker Rainer ­Eischler erst mal einen Schluck Bier nehmen. "Ist sie's? Kann doch gar nicht sein. Donnerwetter", meint er zum Wirt, der gleich sein Handy holt.

"Marilyn Monroe" wollte eigentlich Tierärztin werden

Bis sie 22 Jahre alt war, habe sie sich nichts aus ihrer Ähnlichkeit mit Marilyn Monroe gemacht. "Ich hatte ganz andere Dinge im Kopf und studierte Veterinärmedizin", erzählt Suzie bei einem Glas Weißwein. Dann sprach sie vor 18 Jahren nahe dem Londoner Regent's Park ein Mann auf der Straße an und fragte, ob sie sich für einen Modeljob bewerben wolle. Anfangs war sie skeptisch, dann ging sie zum Vorsprechen. Zwei Wochen später spielte sie mit Model Naomi Campbell in einer Reklame für Schokolade. "Manchmal hat Gott andere Dinge mit einem vor", sagt sie und blickt kokett nach oben. Dann suchen ihre jadegrünen Augen wieder ihr Gegenüber. Ja, sie sei sehr gläubig, sagt sie und fährt sich durch die platinblond gefärbten Haare. Auf ihrem rechten Unterarm leuchtet ein Tattoo von Marilyn auf. "Das habe ich mir mit 36 Jahren stechen lassen. So alt wurde Marilyn." Inzwischen hat sie alle Filme und Songs der 1962 unter mysteriösen Umständen gestorbenen Schauspielerin gesehen und gehört, und Dutzende Bücher gelesen. "Wir sind uns wirklich ähnlich", meint Suzie Kennedy und nippt am Wein ,,sie war so ambivalent, extrovertiert, sexy – und sehr verletzlich."

Seit jenem ersten Werbefilm als Marilyn ist Suzie Kennedys Auftragsbuch prall gefüllt. Sie trägt für Versteigerungen bei Sotheby's Kleider der Filmdiva, zuletzt eines, das die echte Marilyn im Film "Manche mögen's heiß" trug. Es wurde für 450.000 Dollar versteigert. Außerdem eröffnet sie Ausstellungen über die Monroe, tritt immer wieder in Werbefilmen auf und hat die Rolle mehr als 2000-mal bei "Stars in Concert" auf der Bühne gespielt. "Dass ich in der Tonlage von Marilyn singen kann, hat meinen Marktwert enorm gesteigert", erklärt sie. Macht sie sich Gedanken, wie es ist, wenn sie irgendwann der verstorbenen Diva nicht mehr so ähnlich sieht? "Ich lebe im Hier und Jetzt. Gott wird für mich sorgen", ist sich Suzie sicher. Als sie geht, bleibt noch der Duft ihres Parfüms im Raum. Es ist Chanel Nummer 5. Es heißt, kein anderes habe Marilyn benutzt.

Hinter der Idee von "Stars in Concert" steht Produzent Bernhard Kurz. "Als ich Ekkehard Streletzki, Besitzer des 'Estrel Hotels', das Konzept von 'Stars in Concert' 1995 vorstellte, erkannte der Hotelier sofort das Potenzial dieser Show", erzählt Kurz. Der im württembergischen Nürtingen geborene Produzent war damals schon eine der Größen im Showgeschäft. Zusammen mit seinem Bruder Friedrich hatte er die Musicals "Cats", "Starlight Express" und "Phantom der Oper" auf die Bühnen Deutschlands und Europas gebracht.

Eigentlich hatte er Sportler werden wollen, aber eine frühe Verletzung brachte ihn zum Studium der Sportwissenschaften und Psychologie. Danach folgte eine Trainerausbildung. Sein Zug zum Erfolg zeigte sich schon damals, er wurde Leichtathletik-Cheftrainer beim VfB Stuttgart, kümmerte sich um Fußballprofis wie Jürgen Klinsmann sowie Hansi Müller und war zudem Bundestrainer der Bobnationalmannschaft. Gleichzeitig hatte sein Bruder den genialen Andrew Lloyd Webber kennengelernt und träumte von einem kommerziellen Theater. "So fing es an mit meiner Musical-Karriere", sagt der 66-Jährige, der noch immer voller Ideen ist. Sein ständiger Begleiter ist ein Tablet, auf dem alle Termine der nächsten Monate akribisch notiert sind. Nicht nur Shows mit mehreren Stars hat er konzipiert, auch seine Solo-Shows finden begeisterten Zuspruch. "Wir haben ja ein enormes Reservoir an Musiker-Doubles, da kann man auch einzelne Shows konzipieren, wie das Beatles-Musical 'All you need is love!', 'Elvis – Das Musical', 'Michael – Tribute to the King of Pop' oder 'Die Abba-Story'." Der Markt der Double-Shows ist enorm, allein in Berlin sind diesen Sommer rund ein Dutzend Shows unterwegs. Als Grund für den Erfolg der Double-Shows sieht Kurz die Tatsache, dass "viele, viele Menschen die Idole sehen wollen, mit deren Musik sie groß geworden sind. Einige kann man nicht mehr live erleben – weil sie entweder keine Live-Konzerte mehr geben oder verstorben sind. Um zumindest für einen Augenblick die Illusion wiederauferstehen zu lassen, besuchen die Menschen Doppelgänger-Shows."

Keyboarder André Gensicke ist von Beginn an bei "Stars in Concert" dabei. Vorher spielte er ausschließlich bei der Ex-DDR Band "Die Zöllner". Das macht er immer noch. "Aber das Geschäft als freier Musiker ist hart, besonders wenn man älter wird. Da wirkt eine feste Anstellung sehr beruhigend", sagt der 56-Jährige. Für jede Show gibt es noch mindestens einen anderen Keyboarder, auch Schlagzeug und die beiden Gitarren haben Ersatzmänner, "man kann ja nicht pausenlos hier spielen, und krank kann man auch mal werden", so Gensicke. Pro Show und Vorstellung spielt die Band 30 bis 40 Songs. Gensicke freut sich über das breite Spektrum von rockig bis soft. In der Anfangszeit wurde viel geprobt. "So was schießt man nicht mal eben aus der Hüfte." Inzwischen sitzen die meisten Stücke. Die Songs werden alle, bis auf die Bläsersätze und Background-Vocals, live gespielt. Manche Vocals werden aber auch von den Tänzerinnen übernommen, die bei vielen Nummern auf der Bühne stehen.

Lee Garcia bietet auf der Bühne mit Verve und Stimmkraft Freddie-Mercury-Songs so überzeugend dar, dass viele Gäste der Show bei Liedern wie "We are the Champions" die Feuerzeuge zücken. Der 48-Jährige wuchs in Ost-Yorkshire auf. Nach der Schule folgte eine Ausbildung als Maschinenbau-Facharbeiter. Schon mit 16 Jahren gründete er eine sogenannte Coverband. "Wir spielten Top-40-Hits, überwiegend in Pubs in Yorkshire. Ich war Fahrer, Roadie, Sänger und Vertragspartner in einem." Irgendwann kamen erste Queen-Songs zum Repertoire, "die Leute fuhren drauf ab". Von Anfang an war ihm wichtig, "die Rolle mit Respekt zu verkörpern". Im Mai 1991 spielten sie erstmals ein komplettes Queen-Programm. Als Freddie Mercury im Herbst stirbt, wird die Band ununterbrochen gebucht. "Sein Tod war für mich, als sei ein guter Freund gestorben", erinnert sich Lee Garcia, der ihn einmal fast getroffen hätte. Es folgten Tourneen weltweit, 1993 trat er mit seiner Band in der Londoner Royal Albert Hall auf. "Es war einfach unglaublich. Danach hatten wir einen sehr guten Vertrag mit der britischen Armee und spielten für Soldaten in Deutschland und den Niederlanden, hatten Shows in Moskau und Japan." Doch trotz des riesigen Erfolgs "zog die Band nicht richtig mit". So entschied er sich, solo aufzutreten. Keine einfache Entscheidung. "Das Showbiz ist gnadenlos. Die kannten uns nur unter dem Bandnamen. Ich musste wieder ganz von unten anfangen, wieder durch die Pubs in Großbritannien tingeln."

Mitte der Nullerjahre hörte er von "Stars in Concert" und bewarb sich. Doch erst drei Jahre später durfte er vorspielen. "Es gab eben schon ein Double in der Show, und der hörte erst 2008 auf. So fing ich an." Seither tritt er mehrmals die Woche auf, hat mittlerweile sogar eine eigene Show. Für Garcia steht fest, dass er in Berlin bleiben wird. Vor zwei Jahren hat er hier eine Familie gegründet. Jetzt muss er sehen, wie er Arbeit und Familie unter einen Hut bekommt. Denn drei Monate ist er auf Tournee. Zu seinen Lieblingssongs des 20-minütigen Potpourris gehört "Crazy Little Thing Called Love", da bekommt er "noch immer Gänsehaut".

Grahame Patricks Ähnlichkeit mit dem "King" ist ohne Perücke und Kostüm kaum sichtbar. Umso mehr, wenn der 46-Jährige aus Dublin aus der Maske kommt. "Ich habe Elvis schon als Kleinkind aufgesogen", erzählt er. "Mit drei oder vier Jahren hatte ich ihn im Fernsehen gesehen und versuchte, ihn nachzumachen." Vielleicht hat es damit zu tun, dass er aus einer Musikerfamilie stammt. Jedenfalls sang er bereits als Grundschüler Elvis-Songs im Kinderzimmer, mit einem Besenstil als imaginäres Mikrofon. Noch in Dublin trat er mit einer Coverband auf, "aber nicht nur Elvis-Titel, sonders alles, was in den Charts gut lief".

Nach dem Umzug der Familie ins kanadische Toronto gründete er kurz nach der Ankunft eine Band, die Country, Rhythm & Blues und irische Folkmusik spielte. "Wir richteten uns nach den Wünschen der Gäste", erzählt er. Als Teenager stand er eher auf Hardrock und Heavy Metal, sein erstes Live-Konzert war Iron Maiden.

Gleichzeitig arbeitete er an seiner Double-Karriere, sah sich die Filme von Elvis an, Konzertmitschnitte, "natürlich bin ich auch nach Graceland gefahren". Grahame trug mittlerweile die Haare zur typischen Elvis-Tolle frisiert, trat als Solosänger auf. Auf einer Party in Toronto wurde er von einem Musikmanager entdeckt. "Dann ging es rund." Es folgten Jahre als Elvis-Double in großen Hotel-Shows in Las Vegas.

2003 verließ er Las Vegas Richtung Berlin. Er hat mittlerweile einen Sohn und will noch lange in der Stadt bleiben. Neben den Auftritten bei "Stars in Concert" entwickelte Bernhard Kurz für ihn die Solo-Shows "Elvis – Blue Christmas" und "Elvis – Das Musical". Noch immer sammelt er in seiner Freizeit Platten, sieht alte Filme und YouTube-Mitschnitte. Sein Lieblingslied ist "I'm leavin". Mit den Jahren ist das Elvis-Double ruhiger geworden, statt Heavy Metal schätzt er Rhythm and Blues und Crooner wie Frank Sinatra oder Michael Bublé.

"Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich 100 Prozent Tina", sagt Dorothea Fletcher.. Wenn man sieht, wie dieses 1,60 Meter große Energiebündel bei Tina Turners einzigem eigenem Song "Nutbush City Limits" abgeht, glaubt man ihr aufs Wort. Dorothea Fletcher stammt aus Alabama, "kein guter Ort für Schwarze" sagt sie. Von dort fort ging sie auf dem klassischen Weg. Schon früh im Kirchenchor aufgefallen, dann im Chor der Highschool. Ihre Begeisterung für Tina Turner führte sie nach Las Vegas, "ein hartes Pflaster für Schwarze". Sie trat mit den Platters auf und Bobby Womack. Trotzdem ist sie bescheiden geblieben und redet nicht gern über sich. Wer so oft auf der Bühne steht, braucht auch den Schutz der Privatsphäre und will seine Balance bewahren. 1997 kam sie nach Berlin.. Dann lernte sie einen Mann kennen. Seit zwanzig Jahren lebt sie nun in der Stadt, die ihre zweite Heimat ist.

Obwohl sie mit Afro-Perücke aussieht wie eine zweite Tina, studiert sie weiter Filme und Clips auf YouTube. "Man kann immer noch etwas verbessern, die Handbewegung zur Nase, wie sie das Mikro hält, einen Tanzschritt." Fast wäre sie ihrem Double einmal in echt begegnet, "aber wir haben uns verpasst". Wenn sie von der Bühne geht, betont sie, "dann bin ich 100 Prozent Dorothea".

Rachel Hiew ist ein Allroundtalent. In der Show im Estrel tritt die Tochter einer Chinesin und eines Iren als Cher, Abba-Sängerin Agnetha, Jennifer Lopez und als Amy Winehouse auf. Außerdem singt sie in den Bands "Power Unit" und "DiskoInferno" in Berliner Clubs. Woher hat die handtuchschmale Frau diese Energie? "Eine gute Balance von Ying und Yang", antwortet die 44-Jährige verschmitzt, rauft sich kurz die Haare und fügt dann hinzu: "Keine Ahnung." Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Londoner Arts Educational School.. Anschließend stellte sie ihr Talent in zahlreichen Musicals unter Beweis, mit der Titelrolle in "Aladdin" und weiteren wichtigen Rollen in "Shakespeare & Rock 'n' Roll" oder "Phantom der Oper". Mittlerweile hat sie mit einem der Schlagzeuger der "Stars in Concert"-Band zwei Kinder und pendelt zwischen Falkensee und Berlin. Die Schauspielausbildung hat ihr geholfen, sich in die jeweiligen Doubles hineinzuversetzen. "Es dauert eine Weile, aber irgendwann ist der Moment da, in dem ich mir sicher bin: Jetzt sitzt es", erklärt sie in perfektem Amy-Winehouse-Outfit. Die Tattoos der verstorbenen Sängerin kann sie als Klebe-Tattoos im Internet kaufen.

Chris und Geoff Dahl aus Ontario sind seit 25 Jahren die Blues Brothers. Verblüffend die Ähnlichkeit mit den beiden Filmhelden John Belushi und Dan Aykroyd. Pykniker Chris und Leptosome Geoff sehen ihnen im schwarzen Anzug, weißen Hemd, mit Sonnenbrille und Hut zum Verwechseln ähnlich. "Es war unsere letzte Chance", erzählt der 59-jährige Geoff Dahl. Zusammen mit seinem zehn Jahre jüngeren Bruder hat er von klein auf Musik gemacht. In Toronto zogen sie mit ihrer Band durch Bars und Clubs. "Wir lebten gut, aber dann kam Anfang der Neunzigerjahre MTV. Für die Clubbesitzer war es viel billiger, den Fernseher laufen zu lassen, als eine Band zu bezahlen. Wir mussten uns was überlegen. Und kamen auf die Idee mit den Blues Brothers." Damit gingen sie auf Tournee, spielten teilweise in großen Stadien vor mehr als 20.000 Menschen. "Wir lieben die Musik des Films und stehen total auf John Belushi, der leider schon verstorben ist, und Dan Aykroyd. Er hat uns mal gesehen und Hallo gesagt", erzählt Chris. Seit 2001 treten sie regelmäßig in Berlin auf. "Aber immer nur für 90 Tage. Dann läuft das Visum ab, und wir müssen zurück nach Kanada oder in die USA."

Ein Leben als Double kann ganz schön anstrengend sein.

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