Wohnen in Neukölln

Wie die Aufwertung im Schillerkiez zu hohen Mieten führt

Der Kiez am Tempelhofer Feld wird immer beliebter. Die Mieten steigen rasant. Ein Viertel zwischen Aufwertung und Verdrängung.

Schillerburger-Gründer Ali Cengiz vor seinem Geschäft in der Herrfurhtstraße

Schillerburger-Gründer Ali Cengiz vor seinem Geschäft in der Herrfurhtstraße

Foto: joerg Krauthoefer

"Stecken Sie die Kleinen erst mal im Papier ins Wasser. Eine Stunde, mindestens", sagt Bärbel Staud (72) zu einer Kundin, die bei ihr gerade einen Strauß gelber Tulpen kauft. Staud schneidet die Blumen an, wickelt sie ein, lächelt, läuft am Verkaufspult vorbei und überreicht der Frau fast feierlich den Strauß. Die fragt etwas verdutzt: "Warum denn eigentlich?" Staud lächelt. "Dann können se im Dunkeln saufen und nach einer Stunde dürfen se dann die Wohnung sehen", sagt sie in bestem Berlinerisch. "Jede Blume hat eine Gebrauchsanweisung", fügt sie noch hinzu, als die Kundin gegangen ist. Die bekommt man bei "Bärbels Blumenladen" gleich gratis dazu.

Seit 30 Jahren führt Staud den Laden im Neuköllner Schillerkiez schon. Im Kleingarten ihrer Eltern in Lichterfelde-Ost ist sie quasi aufgewachsen. Daher kommt auch ihre Liebe zu den "Blümchen". Ihr Sortiment hebt sich ab von den Massen an Blumenläden, die es mit dem Einkauf beim Großmarkt getan sein lassen. Staud zieht ihr eigenes Katzengras aus Hafer und führt Blumen wie die gefüllte Lisanthus Glockenblume. "Da sind an einer Blume vier Blüten, das ist schön für die Kunden, die nur eine Blume kaufen, das machen ja viele." Man merkt: In Bärbels Blumenladen steckt jede Menge Herzblut.

Doch ob das noch reicht, um über die Runden zu kommen, daran zweifelt sie manchmal. Seit 1987 verkauft Staud schon Blumen an der Kienitzer Straße, im Herzen des Schillerkiezes, der sich zwischen der Hermannstraße und dem Tempelhofer Feld erstreckt. Das Viertel hat in den 30 Jahren einige Wandlungen durchlaufen. Vom gutbürgerlichen Einkaufs- und Wohnviertel zu einem abgehängten Stadtteil, in dem in den 90er-Jahren viele Geschäfte schließen mussten.

Mit der Öffnung des Tempelhofer Felds und der zunehmenden Knappheit an Wohnraum in Berlin kam eine Renaissance. Heute ist der Schillerkiez wieder eine sehr beliebte Wohnlage. Auch Staud bekommt das zu spüren. Ihre Miete habe sich mittlerweile verdoppelt. "Man muss kämpfen, damit man bleiben kann", sagt sie. Gegenwärtig habe sie eine Mietsteigerung von drei Prozent pro Jahr und komme gerade so über die Runden.

Steigende Mieten, jüngere Anwohner

Staud ist kein Einzelfall. Der Wandel und die Aufwertung im Schillerkiez haben in den vergangenen zehn Jahren auch dazu geführt, dass die Mieten deutlich gestiegen sind. So lag die Nettokaltmiete für angebotene Wohnungen pro Quadratmeter 2006 noch bei 4,80 Euro, mittlerweile werden Wohnungen durchschnittlich für 12,90 Euro pro Quadratmeter vermietet. Die Bevölkerungsstruktur hat sich ebenfalls gewandelt. Die, die jetzt in den Schillerkiez kommen, sind gebildeter, wohlhabender und jünger als die Alteingesessenen. Der Anteil der 18- bis 35-Jährigen hat sich in den vergangenen fünf Jahren erhöht (von 35,2 auf 40 Prozent), während der Anteil derer über 65 sich um 0,6 Prozent verringert hat (von 8,3 Prozent auf 7,7 Prozent). Auch die Zahl der Empfänger von Sozialleistungen sinkt: 2010 waren es noch 38,8 Prozent der Bewohner, im Jahr 2016 nur noch 31,1 Prozent. Beim Bildungsgrad zeigt sich die Kluft am eklatantesten: Von denen, die bis 1980 in den Kiez zogen, hatten gerade mal zehn Prozent einen Hochschulabschluss. Bei denen, die seit 2011 kamen, sind es stolze 79 Prozent.

Unterm Bierbaum sind alle Gäste gleich

Im Bierbaum 3 mischt sich alles: die Alten, welche die günstigen Preise und den Standort in Laufweite schätzen, und die Jungen, die den Eckkneipen-Charme mögen. Die Kneipe an der Schillerpromenade hat in Neukölln Kultstatus. "Wer hier einkehrt, wird ins Herz geschlossen", sagt Bierbaum-Wirtin Elke Katzbach. Die 51-Jährige arbeitet seit fünf Jahren hier. Für die Stammgäste sei das hier wie eine Art zweites Wohnzimmer. An die 20, 30 seien es schon, die regelmäßig kommen. "Wenn einer stirbt, gehen wir auch zur Beerdigung", sagt Katzbach. Und an einem der Fenster neben der Bar hängt tatsächlich ein Nachruf auf Brandy, einen Gast, der schon seit 14 Jahren den Bierbaum besuchte und vor kurzem mit 55 Jahren an Krebs gestorben ist.

Der Zusammenhalt unter dem Baum, der in der Mitte des Tresens steht, ist groß, die Preise klein: Viele Schnäpse kosten nur einen Euro, ein großes Pils gibt es für 2,90 Euro. Stammgast Michael Bodewei (70) steht der Aufwertung skeptisch gegenüber. Dass man auf dem Markt am Herrfurthplatz "drei Euro für einen Käse" bezahlen müsse, findet er unerhört.

Bernd (60) wohnt hier seit 34 Jahren, sein Vermieter mache jede Mieterhöhung mit, um 180 Euro sei seine Miete in dieser Zeit gestiegen. Er steht mehrmals die Woche hier am Tresen. Viele Touristen gebe es, "doch die hinterlassen leider auch ihren Müll und machen Lärm", sagt er. Wen man dagegen nicht mehr sieht, seien ältere Menschen. "Oder siehst Du hier alte Leute?", fragt er die Reporterin. Und antwortet selbst. "Nö. In Rudow siehste vielleicht noch alte Leute." Doch die trübe Laune ist schnell vorbei: Einer der Gäste feiert Geburtstag und spendiert eine Runde Schnaps. Bernd lässt das Thema nicht los. Im Schillerkiez zeige sich ganz gut, was in der ganzen Stadt geschehe. Steigende Mieten, Verdrängung, aber eben auch neue Einflüsse. "Berlin ist nicht mehr Berlin. Berlin ist Europa", sagt Bernd und kippt seinen Schnaps. Man könne das gut finden oder schlecht, "aber da kannste nix gegen machen".

Restaurants als Vorboten der Entwicklung

Die Gastronomin Linh Vu (30) wohnt seit 2011 im Schillerkiez. Gemeinsam mit Mark Roh (33) führt sie seit knapp zwei Jahren das koreanische Restaurant "Pig & Tiger". Es liegt schräg gegenüber von Bärbels Blumenladen. Koreanische Suppen für um die zehn Euro, unverputzte Wände, schlichte Holzbänke: Auf den ersten Blick ist das Restaurant eher ein Teil des neuen Neuköllns, ein Restaurant, in dem die Jüngeren essen, die sich die steigenden Mieten leisten können. Vu kennt den Schillerkiez gut: Ihr Vater hatte dort Ende der 90er-Jahre einen Asia-Imbiss. Sie fuhr damals gerne von Lichtenberg, wo sie wohnte, nach Neukölln, wo einfach mehr los war. "Die Hermannstraße zum Beispiel war früher eine beliebte Einkaufsstraße", sagt sie. Die Hartz-IV-Reformen hätten die Lage vieler Bewohner im Kiez aber verschlechtert, sagt sie. Auch viele Läden hätten zu dieser Zeit geschlossen. Der Kiez wurde trister.

Im Jahr 2013 eröffneten Vu und Roh einen kleinen Imbiss an der Hermannstraße, das koreanische Ban Ban Kitchen. Der lief so gut, dass sie es 2015 wagten, ein richtiges Restaurant zu eröffnen. Vu findet es zu verknappt, zu sagen, Gewerbe wie ihres seien Vorboten einer Entwicklung, an deren Ende Verdrängung steht. "Zu sagen, dass Studenten und Künstler kommen, das Viertel schick machen und die Alteingesessenen verdrängen, weil die Preise steigen, finde ich zu verkürzt. Ich denke, dass außer Investoren keiner Interesse daran hat, dass die Mieten steigen und Menschen aus ihren Wohnungen verdrängt werden. Diesen Prozess aufzuhalten, ist eine politische Aufgabe. Man sollte einzelne Akteure nicht für Prozesse verantwortlich machen, die von der Stadt gelenkt werden sollten", sagt sie.

Erfolgsgeschichte made im Schillerkiez

Dass schicke Restaurants Vorboten dieser Prozesse sind, steht jedenfalls fest. Im April 2012 war der Schillerkiez noch "im Kommen", sagt Schillerburger-Gründer Ali Cengiz (50). Ein befreundeter Makler sagte ihm damals, die Gegend werde "durch die Decke gehen". Und so entschloss sich Cengiz, an der Herrfurthstraße einen Burgerladen, eine Bäckerei und eine Bar zu eröffnen. Auch ihm wurde zu Beginn vorgeworfen, er befeuere die Verdrängung im Kiez. Die Anfangszeit war hart: Es gab öfter Farbanschläge gegen den Laden, auch die Scheiben seines Burgerladens wurden eingeschlagen. Mittlerweile sind seine Restaurants eine feste Größe im Schillerkiez und haben Ableger in ganz Berlin. "Wir wollten aber bewusst ein Imbiss im Kiez sein und eben keine Filiale am Kudamm oder an der Friedrichstraße eröffnen", sagt Cengiz. Auch er sagt, Gentrifizierung sei eine Entwicklung, der nur der Staat entgegentreten könne.

An einem sonnigen Sonntag ist der Block auf der Herrfurthstraße, auf dem Cengiz seine drei Läden hat, schwarz vor Menschen. Wer einen Burger essen will oder ein Stück Kuchen für zu Hause kaufen möchte, muss sich in Geduld üben. Zwischen Cengiz Läden liegt "Pazzi X Pizza", auch hier sind die Schlangen lang, und die flinken Pizzabäcker kommen bei dem Andrang kaum hinterher. An den Tischen und auf den Bänken sitzen Menschen, wie man sie in Streetstyle-Blogs sieht.

Man hört Englisch, Spanisch, Französisch und bekommt ein Gefühl dafür, dass sich der "Geheimtipp Schillerkiez" aus hippen Reiseführern mittlerweile herumgesprochen hat. Im Edeka gegenüber steht die Zeit dagegen fast ein bisschen still: Ein älterer Herr im Joggingdress läuft mit einem Stoffbeutel voller Leergut in den Markt und steht wenig später mit drei Flaschen Bier, einer Packung Brot und einem Schälchen Leberwurst an der Kasse. Ein bisschen Berliner Alltag gibt es hier noch.

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