Flughafen

Diese Berliner haben ein Herz für Tegel

In Reinickendorf ist die Zustimmung zum Flughafen auffallend groß. Das hat viele Gründe

Lorena Frank

Lorena Frank

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Roooooaaahhh – wieder jagt ein Flugzeug im Landeanflug über den Kurt-Schumacher-Platz. Im Fünf-Minuten-Takt donnern die Passagiermaschinen hier über die Köpfe der Menschen. Der Lärm ist für einige Momente so groß, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Wer hier wohnt, ist froh, wenn der nahe Flughafen Tegel endlich schließt und der Lärm ein Ende hat. Doch die jetzt veröffentlichten Zahlen zum Volksbegehren für die Offenhaltung des Flughafens Tegel sprechen eine andere Sprache: Fast 30.000 Reinickendorfer unterschrieben für Tegel – das sind 16,4 Prozent der Stimmberechtigten. Ingesamt kamen 204.263 gültige Unterschriften für das Volksbegehren zusammen, rund 30.000 mehr als erforderlich. Nun kommt es zum Volksentscheid.

"Wenn die Fenster zu sind, hört man nichts"

"Eigentlich müssten wir ,Nein' sagen", erklärt Christa Noack. Unterschrieben hat sie trotzdem. Seit Jahrzehnten lebt die 73-Jährige in einer Reihenhaussiedlung am Kurt-Schumacher-Platz. Auch sie habe all die Jahre mit dem Fluglärm gelebt: "Doch wir haben uns daran gewöhnt." Dass es immer wieder laut am Himmel wird, damit komme sie klar. "Wenn die Fenster zu sind, hört man nichts", sagt sie. Die Flugzeuge seien in den letzten Jahren leiser geworden. "Außerdem habe ich gehört, dass die Mieten steigen sollen, sobald der Flughafen dichtmacht", so die Rentnerin.


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Diese Angst treibt viele Anwohner um: Bleibt der Lärm nach der Schließung von Tegel aus, wird die Wohngegend im Süden Reinickendorfs attraktiver. Bei der angespannten Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt wären höhere Mieten wohl die Folge.

In Reinickendorf hängen auch viele Menschen emotional an "ihrem" Otto-Lilienthal-Flughafen. Der Bau von Tegel wurde während der Berliner Luftbrücke 1948 begonnen, der Flughafen hat also für ganz Berlin eine historische Bedeutung. Darauf ist man in Reinickendorf stolz. Viele Anwohner sind mit den im Minutentakt einfliegenden Flugzeugen aufgewachsen, seit ihrer Jugend verbinden sie den Abflug in den jährlichen Sommerurlaub mit Tegel. Lorena Frank wohnt im Märkischen Viertel nordöstlich des Flughafens. Ein Unterstützer der Initiative "Berlin braucht Tegel" hatte eine Unterschriftenliste in ihrem Kosmetikstudio ausgelegt – sie unterschrieb.

In 25 Jahren noch nie von Schönefeld gestartet

Erst im vergangenen Sommer flog sie von hier aus zu den Großeltern ihres Freundes in die Türkei, vom Flughafen Schönefeld ist sie in ihren 25 Lebensjahren noch nie gestartet. "Nach Schönefeld raus brauche ich über eine Stunde. Hier falle ich aus dem Bett in den Flieger", sagt sie. Allerdings: In ihrer Wohnung bekommt die 25-Jährige vom Fluglärm kaum etwas mit. Dass die Schließung die Lärmbelastung für die Anwohner verringern würde, zählt für sie trotzdem nicht als Argument. "Egal wo ein Flughafen entsteht, irgendjemand ist vom Lärm der Flugzeuge betroffen." Das sei auch am künftigen Hauptstadtflughafen, dem BER, so.

Viele Berliner fragen sich, warum ein funktionierender Flughafen wie Tegel geschlossen werden soll. "Alle bedeutenden Hauptstädte haben mehr als einen Flughafen", sagt der 43-jährige Madgy Soliman, der am Konrad-Schumacher-Platz aufgewachsen ist. "Schauen Sie doch nach Moskau oder London." Daran, dass der BER jemals eröffnet, zweifelt hier nicht nur er: "In dieser Stadt wird viel gemacht, ohne nachzudenken – die halbe Welt lacht doch über Berlin." Ohnehin sei der neue Hauptstadtflughafen schon jetzt zu klein dimensioniert. Das ist eines der Hauptargumente der FDP, die das Volksbegehren für Tegel maßgeblich vorangetrieben hat.

Doch natürlich gibt es auch die anderen: Jene Reinickendorfer, die genug haben vom Flughafen. Einige reagieren, gefragt nach dem Volksbegehren und der großen Zustimmung in ihrem Bezirk, abweisend, sie wollen endlich Ruhe in Tegel. Voraussichtlich am 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, werden auch sie abstimmen können – beim Volksentscheid, in dem es wieder um die Frage geht: Tegel offenhalten oder doch schließen?

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