Mein Berlin

Ohrfeige mit Latexhandschuh

In Berlin einen Termin bei einem Zahnarzt zu bekommen, ist gar nicht so leicht. Ein Fest für Karius und Baktus, meint Nina Paulsen.

Foto: picture alliance / dpa

Kürzlich habe ich einen neuen Zahnarzt gesucht. Ich googelte "Zahnarzt Berlin Prenzlauer Berg", wie man das halt so macht, und rief eine der Praxen an, die bei den Ergebnissen ganz oben gelistet waren. "Guten Tag, Paulsen hier, ich würde gern einen Termin für eine Kon­trolle vereinbaren", sagte ich. Die Dame am anderen Ende der Leitung räusperte sich. "Waren Sie schon einmal bei uns?" – "Nein." – "Aha, hmm, ja, also. Das ist schwierig. Ist Ihr Ehepartner vielleicht bei uns in Behandlung?" Ich verneinte wieder. "Tut mir leid", sagte die Sprechstundenhilfe knapp. "Dann kann ich leider nichts für sie tun."

Die Dame erklärte mir, man nehme wegen des aktuellen Ansturms und der großen Auslastung derzeit keine neuen Patienten mehr auf. Da sei nichts zu machen. Vielleicht in ein paar Monaten wieder. Auf Wiedersehen. Ich rief danach noch einen Zahnarzt von der Google-Liste an und dann noch einen. Erst Nummer vier wollte mich als Patientin aufnehmen. Hurra.

Allein das Wort "Zahnarzt" löst bei mir Panik aus

Dennoch war ich nach diesen ganzen Gesprächen einigermaßen konsterniert. Es hatte mich zuvor Wochen und Tage gekostet, mich selbst davon zu überzeugen, dass ein Zahnarztbesuch trotz aller Unannehmlichkeiten langfristig wahrscheinlich die beste Lösung für ein erfülltes Leben ist. Auch mit fünf Mal Zähneputzen am Tag ist es wohl illusorisch, dass ich die nächsten 77 Jahre (ich werde selbstverständlich 110 Jahre alt) ohne Zahnarzt über die Runden komme.

Aber um ehrlich zu sein: Allein das Wort "Zahnarzt" löst bei mir Panik aus. Und das Geräusch eines Bohrers Schweißausbrüche. Wem es ebenso geht, der weiß, welchen Heldenmut es bereits erfordert, zum Telefon zu greifen um einen Termin zu vereinbaren. Und dann: Wird man abgebügelt. Einfach so. Nach Telefonat eins bis drei fühlte ich mich, als hätte mir eine Zahnarzthelferin eine Ohrfeige mit ihrem Latexhandschuh gegeben.

Außerdem: was für ein Ansturm überhaupt? Haben sich im Frühjahr 2017 alle Pankower entschlossen, mal wieder zum Zahnarzt zu gehen? Gibt es eine plötzliche Kariesschwemme oder ein stadtweites Parodontosepro­blem? Haben sich Karius und Baktus, die schon Generationen von Kindern das Zähneputzen schmackhaft machen, auf den Weg in sämtliche Berliner Münder gemacht, um hier mit Hammer und Meißel ihr Unwesen zu treiben?

Schade, dass es Karius und Baktus heute nicht mehr gibt

Wobei man sich all diese Fragen analog bei jedem beliebigen Facharzt in Berlin stellen kann. Alle rappelvoll. Unser Kinderarzt geht schon gar nicht mehr ans Telefon, wenn wir mal anrufen, man muss es mindestens zehn Mal probieren, um jemanden zu erreichen. Augenärzte verbarrikadieren ihre Türen, Orthopäden stellen einen Termin frühestens im September 2022 in Aussicht.

Eine Freundin wollte bei ihrer langjährigen Hautärztin in Mitte mal wieder eine Hautkrebsvorsorge durchführen lassen und wurde abgewiesen: Man habe sich jetzt auf die Entfernung von Falten, Cellulitis, Tattoos und Krähenfüßen spezialisiert. Wer zum Beispiel einen simplen Ausschlag hat, ist im Moment echt gelackmeiert. Und alle Berliner mit akutem Karius- und Baktusbefall auch.

Karius und Baktus waren übrigens echt super Typen. Schade, dass es sie heute nicht mehr gibt. Genauso wie die alte Dr.-Best-Werbung der 90er-Jahre, in der Dr. Best noch ein weißhaariger Mann mit Halbglatze und Schnurrbart war, der eine Zahnbürste gegen eine matschige Tomate gedrückt hat, um zu zeigen, wie sensibel unser aller Zahnfleisch ist. Irgendeine andere Zahnpasta hatte damals diese Werbung mit einer strahlenden Schönen, die immerzu sagte: "Ich als Zahnarztfrau empfehle Putzi­dingsda" oder so. Zahnarztfrauen durften das damals, dazu waren sie qua Heirat bemächtigt.

Schade eigentlich, dass das nicht für andere Berufsgruppen galt und gilt. Vielleicht hätte die Frau unseres Kinderarztes beim nächsten Schnupfen auch mal ein paar gute Ratschläge für uns.

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