Mein Berlin

Bloß nicht wieder 20 sein - und erst recht nicht in Berlin

Jungsein ist in Berlin manchmal ganz schön stressig. Gut, wenn man das hinter sich hat. Bis auf eine Ausnahme, meint Nina Paulsen.

Partystimmung im Berliner Sage Club in Berlin-Mitte

Partystimmung im Berliner Sage Club in Berlin-Mitte

Foto: Andreas Lander / picture-alliance/ ZB

Seit einiger Zeit sagt man ja, 40 sei das neue 30 und 30 das neue 20. Das klingt schon toll. Man darf länger Unsinn machen und sich in unüberlegte Abenteuer stürzen, das geht in Berlin besonders gut. Dafür kauft man sich später als die 30-Jährigen in unserer Elterngeneration ein Reihenendhaus, fährt später Volvo und hat später einen Golden Retriever namens Paul.

Manchmal ist das alles aber auch ganz schön stressig. Mit Mitte 30 ist man heute demnach erst Mitte 20. Man muss deshalb noch immer ständig auf irgendwelche angesagten Partys rennen, morgens um vier noch einen letzten unvernünftigen Pfeffi trinken und ansonsten in den Tag hineinleben wie ein Student im 18. Semester, der vielleicht mal irgendwas mit Medien machen will. Tut man das nicht, muss man Angst haben, dass man etwas verpasst. Und das will ja keiner. Bloß nicht zu früh festlegen, sonst könnte man ja morgen nicht mehr spontan seine sieben Sachen zusammenpacken und für drei Monate auf einem Maulesel durch die Mongolei reiten, wenn sich zufällig die Gelegenheit dazu ergibt.

Weißwein aus dem Tetrapak

Als jemand, der Mitte 30 ist, fühle ich mich manchmal hin- und hergerissen. Ich hätte theoretisch schon Lust auf die Mongolei-Sause mit Muli, allerdings ist meine Lebenszeit ziemlich ausgefüllt mit Familie, Arbeit, Freunden und damit, mit der M10 auf der Invalidenstraße im Stau zu stehen. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, ich sei Mitte 40 und könnte es mir in dieser Situation jetzt einfach mal ohne schlechtes Gewissen gemütlich machen. Mich hinfläzen in gesättigter Gesetztheit, in der man Weißwein aus dem Tetrapak eklig finden und Urlaube pauschal buchen darf. Tja, es ist eben alles nicht so leicht. Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.

So ging es mir auch am zurückliegenden Wochenende. Meine Nachbarn über mir – drei junge Menschen Mitte 20 – haben am Sonnabend eine Party veranstaltet und vorher einen Zettel in den Hausflur gehängt, auf dem sie um Verständnis dafür baten, dass es etwas lauter werden könnte. Oh nee! Das war mein erster Gedanke. Ich befürchtete wummernde Bässe über unserem Schlafzimmer. Und Augenringe am nächsten Tag, gegen die nicht einmal mehr die superteure Hochleistungscreme ankommt, in die ich nun statt in Pfeffis investiere.

Die arbeitende Bevölkerung ist ein Spießer

Ich dachte auch an unser wegen des Lärms ganz bestimmt nicht schlafendes Baby und an Zigarettenkippen im Hausflur. Und ich dachte: verdammt! Mein 33-jähriges Ich in mir regt sich viel zu sehr über die feiernden Nachbarn auf. Bis sich endlich mein 23-jähriges Ich durchsetzte und sagte: "Jetzt stell dich mal nicht so an. Ihr habt früher auch WG-Partys gefeiert – und dabei bestimmt nicht auf Augenringe und Nachbarn Rücksicht genommen."

Einen Tag später pinnte ein anderer Zettel unter dem Zettel der Feier-WG. "Es gibt auch Menschen, die am nächsten Tag arbeiten!!!", stand darauf, verbunden mit der Drohung, die Musik ab 1 Uhr leiser zu drehen, sonst rufe man die Polizei. Und: "Bitte die so sinnbefreiten Diskussionen nicht am offenen Fenster führen. Herzliche Grüße, die arbeitende Bevölkerung." Das fand ich unmöglich. Ich wünschte mir, die Party-WG möge besonders laut und sinnfrei und vor allem sturzbetrunken am offenen Fenster feiern. Die arbeitende Bevölkerung ist ein Spießer – wer hätte das gedacht.

Doch dann geschah: nichts. Meine Nachbarn feierten die leiseste WG-Party, die ich je erlebt habe. Keine wummernden Bässe, keine Musik, keine sinnlosen Gespräche. Nur ab und zu ein paar schüchterne Schritte im Treppenhaus und allenfalls ein Flüstern. Wahrscheinlich wurde bei heißem Kakao eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Ich glaube jetzt ja, 20 ist das neue 10, sonst hätten meine jungen Nachbarn sich nicht so schnell einschüchtern lassen. Eigentlich bin ich ganz froh, dass ich doch schon Mitte 30 bin. Nur auf die Augenringe könnte ich gut verzichten.

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