Mein Berlin

Plötzlich muss in Berlin selbst der Smoothie "smart" sein

Smart essen, smart schlafen, smart wohnen – nein, danke. Ein Plädoyer für mehr Faulheit im Alltag von Nina Paulsen.

Soll ja sehr gesund sein, so ein Smoothie. Aber smart?

Soll ja sehr gesund sein, so ein Smoothie. Aber smart?

Foto: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Vor ein paar Tagen kaufte ich mir in der Mittagspause einen Smoothie. Der Smoothie-Laden ist ganz in der Nähe unserer Redaktion am Kudamm und wirbt mit dem Slogan "smart eating". Die Produkte dort werden als sehr gesund angepriesen, haben keine Kohlenhydrate, keine Kalorien, natürlich kein Fett, viel Eiweiß und irgendwelche zauberhaften Superfood-Zusätze, die einen schöner, schlauer, jünger, faltenfrei und schlank werden lassen. Man kann sich essend selbst optimieren. Das ist ein bisschen wie Popeye mit seinem Spinat.

Ich fühle mich immer fit wie ein Turnschuh, wenn ich in diesem Laden bin – auch wenn ich kurz vorher an meinem Schreibtisch einen Schokoriegel verspeist habe und das Karamell noch an meinen Fingern klebt. Wenn ich smart esse, sind alle Ernährungssünden vergessen. Das Ganze funktioniert wie ein moderner Ablasshandel: Für jeden Burger muss man zwei grüne Smoothies trinken, für jedes Bier einen dreifach gepufften Chia-Muffin kaufen, dann ist alles wieder im Lot.

Wobei ich mich frage, warum so etwas elementares und simples wie Nahrungsaufnahme jetzt auch noch unbedingt "smart" sein muss. Ich habe doch schon ein Smartphone, ich dachte, das reicht. Aber nein: Es gibt natürlich längst schon smarte Uhren und smarte Fernseher. Smart living löst Sofa und Billy-Regal ab, smart shopping den klassischen Einkaufsbummel. Smart sleeping zeigt uns mit Apps, Armbändern und Sensoren, wie wir noch besser Bubu machen können, weil wir dazu bislang zu blöd waren.

Alles ist furchtbar pfiffig und clever. Kinder der 80er-Jahre werden sich hier an die Zeichentrickfigur Inspector Gadget erinnert fühlen. Inspector Gadget war ein Detektiv, der viele Geräte in seinen Körper eingebaut hatte. Eine Taschenlampe im Zeigefinger zum Beispiel oder einen Korkenzieher. Inspector Gadget war seiner Zeit wahnsinnig voraus. Er hätte seine helle Freude am Berlin des Jahres 2017 gehabt.

Wobei man sagen muss, dass die Apps im Grunde den Job übernommen haben, den Mama früher innehatte. Sie brachte einem bei, dass man das Wasser beim Zähneputzen nicht laufen lässt, wie man aus den Prospekten in der Zeitung das günstigste Waschpulver findet und dass man besser früh ins Bett geht, damit man morgens ausgeschlafen ist.

Ach, ich klinge altmodisch. Ich bin 1983 geboren und gehöre damit eigentlich zur ersten Generation der sogenannten Digital Natives, ich müsste das alles total super finden. Meine Generation und ich, wir können uns ja an die Pfeif- und Knarz-Geräusche der ersten Modems erinnern, wir schrieben SMS mit maximal 160 Zeichen auf einem Alcatel One Touch Easy oder Nokia 3210 und hatten Mail-Adressen bei Fireball, AOL und Lycos. Das war alles wahnsinnig aufregend damals und irgendwie ein Abenteuer. Smart war noch gar nichts. Was war das alles schön.

Berlin will "Smart City" werden

Den Vogel schießt ja schon seit 2015 unser aller Lieblingsstadt ab: Berlin will bekanntermaßen Smart City werden. Gesucht werden Lösungen, "um unsere Stadt effizienter, gesünder, nachhaltiger, lebenswerter und sauberer zu gestalten". Es gehe "um die Antizipation von Trends und Entwicklungen in allen Bereichen, die das Leben in einer Großstadt beeinflussen", steht im Internet. Tja. Vielleicht sollte man kleiner anfangen und erst mal ganz smart das Müllproblem auf den Straßen in den Griff bekommen. Aber nun gut.

Irgendwie möchte ich gar nicht immer smart sein und mich deshalb hier starkmachen für ein Recht auf Ineffizienz, schlechten Schlaf und Faulheit. Dafür, bis spät in die Nacht Fernsehen zu gucken und Chips zu essen, für Krawall und Remmidemmi bis zum frühen Morgen, an dem man einfach mal liegen bleibt, statt früh aufzustehen. Dafür, sich vielleicht nur für die zweitbeste Lösung für ein Problem zu entscheiden. Wer sich danach furchtbar schlecht fühlt, kann ein paar Folgen Inspector Gadget gucken. Oder grüne Smoothies trinken. Danach ist alles wieder gut.

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