Mein Berlin

Am Grill und in der Liebe ist alles erlaubt

Männer mögen Steaks und Frauen Gemüse, heißt es in der Werbung. In Berlin ist das glücklicherweise anders, beobachtet Nina Paulsen.

Männer grillen anders als Frauen? Von wegen!

Männer grillen anders als Frauen? Von wegen!

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Ich bin dieser Tage ja ziemlich stolz auf meine Stadt. Der Himmel spielt "50 Shades of Grey" in Endlosschleife und die Temperaturen stecken noch immer im April fest, statt endlich mal auf Mai umzuschalten. Und dennoch: Auf den Berliner Balkonen trotzen Stiefmütterchen Wind und Regen, kalkweiße Beine werden mutig der Öffentlichkeit präsentiert und vor allem: Die Grills werden wieder angeworfen. Schon seit einiger Zeit mäandern an den Wochenenden Rauchwolken über den Parks und mischen den immerwährenden Geruch der Abgase mit Nuancen von Kohle und Wurst. Ich finde das ziemlich schön.

Grillen ist Teil der Berliner Identität. Ich glaube, ich darf das jetzt mal so sagen, obwohl ich ja zugewandert bin. So viel Grillen habe ich in noch keiner anderen Stadt erlebt und schon gar nicht bei so mittelmäßigem Wetter wie diesem. Vielleicht ist das der perfekte Ausgleich für den immer mobilen und ewig gestressten Großstädter: gechillt mit einem Bier ums Feuer herumstehen, über die richtige Anzündetechnik für Kohle fachsimpeln und Fleisch langsam beim Garwerden zuschauen. Ganz archaisch, ohne jeden Schnickschnack.

Zumal in der ganzen Stadt nur noch irgendwelche Hipster Pulled Pork verkaufen, das mindestens drei Tage lang bei 40 Grad vor sich hingeschmort hat. 'Ne schnöde Bratwurst dagegen ist zwar weniger sexy, aber dafür bodenständig. Ein Food-Trend, der Jahrzehnte überdauert. Es wird hoffentlich nie dazu kommen, dass jemand plötzlich einen Sous-vide-Garer oder einen Barbecue-Smoker im Park auf dem Rasen aufstellt und das Fleisch vor dem Servieren erst mal zerrupft. Dann schon lieber ganze Schafe am Spieß, wie es im Görlitzer Park ab und zu schon der Fall war.

Grillrezepte speziell für Männer und für Frauen

Berlins Supermärkte haben sich jedenfalls auch schon auf den Start der Grillsaison eingestellt – überall gibt es Kohle, Würstchen aus Fleisch oder Tofu und diese komischen Einmalgrills in der Aluschale. Mit so einem Einweg-Ding haben wir früher auch gegrillt – und obwohl dies schon einige Jahre her ist, kann ich mich immer noch an den riesigen Hunger erinnern, den wir den ganzen Tag hatten. Es dauert nämlich ewig, bis das Grillgut auf so einem Teil gar ist. Das Warte-Bier ist uns derart auf den leeren Magen geschlagen, dass wir sturzbetrunken waren, als Fleisch und Würstchen halbwegs fertig waren.

Ein Berliner Supermarkt hat sich zum Start der Grillsaison etwas ganz besonders einfallen lassen: Grillrezepte speziell für Männer und für Frauen. Hurra, das hat der Welt gefehlt! Für Männer gibt es saftige Steaks, fein marmoriertes Fleisch und Bratwurst. Auf dem Frauengrill liegen dagegen freudlose Paprika, Tomaten und "Hähnchenspieße in samtiger Marinade".

Ich habe noch nie über Blumendeko am Grill nachgedacht

Nichts gegen leichte Kost, aber: Auch Frauen essen mitunter Steaks. Und Männer mögen manchmal Gemüse, tatsächlich. Dazu bekommen wir Frauen von dem Supermarkt auch noch Tipps für "hübsche Blumendeko für die Grillparty". Blumendeko! Ganz ehrlich: Ich habe noch nie, wirklich nie, über Blumendeko am Grill nachgedacht. Ich bin schon froh, wenn das Gras im Park nicht völlig vergilbt ist, und mache Freudensprünge, falls irgendwo noch ein paar Gänseblümchen stehen.

Ich weiß nicht, was sich die Werbeabteilung des Supermarktes gedacht hat. Ob Fleisch, Tofu oder Gemüse – in Berlin isst doch jeder was er will, immer. Und legt auf den Grill, was schmeckt, und nicht, was irgendwie zum Mann- oder Frausein passt. Um es mal mit Napoleon zu sagen: Im Krieg, in der Liebe und am Grill ist alles erlaubt. Und wenn wir schon bei Sprichwörtern sind: Man soll den Tag nicht vor der Bratwurst loben. Ohne Fleiß kein Schaschlik-Spieß. Erst die Arbeit, dann das Cevapcici, und der Appetit kommt beim Essen – jedenfalls, wenn irgendwann mal das Wetter wieder so richtig mitspielt. Bis dahin hätte ich noch eine Idee für die nächste Fachsimpelei am Grill: Wie sieht eigentlich die richtige Blumendeko für Schaf am Spieß aus?

Mehr Kolumnen von Nina Paulsen:

Bloß nicht wieder 20 sein - und erst recht nicht in Berlin

Faule Menschen, bitte blockiert nicht immer den Aufzug!

Ohrfeige mit Latexhandschuh

Wenn Hipstereltern ihren Kindern absurde Namen geben

Wenn Kleinkriminelle sogar Küchentücher stehlen

Frühling in Berlin ist, wenn...

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene