Klassik-Kritik

Harding dirigiert durch wehmütige Landschaften

Chefdirigent Daniel Harding leitet das Debüt des Swedish Radio Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin. Mit fließender Präzision dirigiert der 40-jährige Brite "Earth Dances", eines der meistgespielten Orchesterwerke seines Landsmanns Sir Harrison Birtwistle. In der Nachkriegszeit vertrat der Komponist neben Peter Maxwell Davies und Alexander Goehr eine in Großbritannien unerhört komplexe Moderne, welche Impulse von Strawinsky bis zur Zwölftonmusik aufgreift. "Earth Dances" wurde bei der Uraufführung 1986 als sein "Sacre du Printemps" bezeichnet. Der Vergleich ist jetzt allerdings in der Philharmonie nur schwer nachzuvollziehen. Bei Birtwistle führen grollende Holzbläser und tiefe Streicher den Zuhörer ins Innere der Erde. Die Blechbläser durchbrechen die Oberfläche der Streicher, bis sich die Elemente mit mechanischer Gewalt frei bewegen können. Als eine Solo-Flöte über gedämpften Streichern und rauschender Percussion durch das Werk schwebt, da plötzlich scheint die Zeit stillzustehen. Dennoch bilden die einander überlagernden rauen Mixturen ein Hörerlebnis, das mehr auf der Bewunderung der feinen Strukturen und weniger der Klangästhetik beruht. Der dramatische Bogen des rund halbstündigen Werks verliert sich im Gewebe, auch wenn Harding und das Orchester dem durch Frische entgegenwirken.

In der zweiten Hälfte gelangt man mit Gustav Mahlers "Lied von der Erde" in ein Geisterreich, wo die Schönheiten des Lebens bereits von oben betrachtet werden. Mit ihrer exotisch gefärbten, poetischen Instrumentationskunst hat die Symphonie die Tür in die Moderne offen gelassen. Das dämmrige, ja erdige Timbre der Schwedischen Mezzosopranistin Anna Larsson ist dem Werk maßgeschneidert. Der kanadische Tenor Michael Schade gestaltet seine Partie mit darstellerischer Kraft. Souverän führt Harding sein Orchester durch wehmütige Landschaften. Die Streicher sind mal zart und zerbrechlich, mal schwelgen sie in Sehnsucht. Das Publikum lauscht ihnen dankbar.

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