Kultur

Die Konzeptkünstler des Pop

Markenzeichen: Ironie. Die Pet Shop Boys geben ihren Berliner Fans in der Mercedes-Benz Arena genau das, was sie wollen

Friedrichshain steht an diesem Sonnabend ganz im Zeichen der Neunziger: Durch die Stralauer Allee wälzt sich der Zug der Liebe, und auch in der Mercedes-Benz Arena wummern schon die Bässe aus den Boxen. Die Pet Shop Boys stellen hier heute Abend nach einem Konzert im Dezember noch einmal ihr neues Album "Super" vor.

Wenn man das erfolgreichste Pop-Duo Großbritanniens ist, betritt man die Bühne nicht einfach durch den Vorhang; Die Pet Shop Boys stehen hinter Holzscheiben, die sich langsam zum Publikum drehen. Zu schwarzen Jacketts tragen sie silberne Helme. Die Kostüme erinnern gleichzeitig an Daft Punk und Helge Schneider.

Der leicht ironische Auftritt gehört zu ihren Markenzeichen, genau wie die charakteristische Stimme von Sänger Neil Tennant, der immer ein wenig klingt, als hätte er an einem Heliumballon gesaugt. Die neuen Songs sind gewohnt tanzbarer Diskopop. Mit "Pop Kids" haben sie ihre Biografie vertont, in den Strophen erzählen sie, wie sie sich damals in London zufällig über den Weg liefen: Neil Francis Tennant, seines Zeichens Musikjournalist, wollte im West End eigentlich nur ein Zubehörteil für seinen Synthesizer kaufen, kam mit einem anderen Kunden, Chris Lowe, ins Gespräch, und gab ihm seine Telefonnummer. Die beiden trafen sich, entdeckten ihre gemeinsame Liebe für David Bowie, Italo-Pop und Dancemusik und beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Der Rest ist Geschichte: "They called us the pop kids /cause we loved the pop hits".

Die neuen Songs decken das gesamte Spektrum ihrer Karriere ab: "Happiness" klingt mit seinen Handclaps im Refrain und dem schnellen Beat in den Strophen nach Alkopops und Love Parade, während "Inner Sanctum" mit seinem tiefen Bass sehr modern daherkommt. Die Arena ist nicht berstend voll, aber gut gefüllt; das Publikum tanzt anfangs noch verhalten, doch spätestens bei "West End Girls" kommt Bewegung ins Haus.

Vielleicht war mancher auch einfach abgelenkt von der Videoprojektion: Auf riesiger Leinwand tanzen bunte Dollarzeichen, verwandeln sich in tanzende Würfel mit farbenfrohen Tapetenmustern, gehen über in Smileys, später erinnern die Bilder an eine Mondfinsternis, dann an die Visualisierungen des alten Windows Media Players.

Mit der Village-People-Hommage "New York City Boy" läuten die Pet Shop Boys die zweite Hälfte des Konzerts ein, die von ihren großen Hits bestimmt wird. Es bahnt sich ein Revival ihres Sounds an: Mit The Cure und Depeche Mode waren zuletzt zwei andere große Bands ihrer Zeit auf Tour, und auch jüngere Musiker wie die britischen Editors oder die französische Indie-Pop-Band Phoenix setzen auf ihren neuesten Alben großzügig Synthesizer und hohe Gesangsparts ein.

Bei "Go West" wirkt Neil Tennant kurz aus dem Konzept gebracht: Kaum ertönen die ersten Takte, schallt ihm ein Chor aus etwa 5000 Stimmen entgegen. Das Elvis-Cover "Always in my mind", mit dem er die Menge in den Abend entlässt, zeigt dann wieder: Klar sind die Songs der Pet Shop Boys in erster Linie tanzbarer Pop, aber nicht anspruchslos. Die Texte sind hintersinnig ("love is a bourgeois concept just like they said at university"), unter den eingängigen Melodien schimmert aber auch eine gewisse Melancholie durch. Dies dürfte ein Grund sein, wieso die Pet Shop Boys auch nach über 35 Jahren noch große Arenen füllen: Die Love Parade mag jetzt Zug der Liebe heißen, die Pet Shop Boys aber bleiben sich und ihrem Stil treu.

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