Konzert in Berlin

Arcade Fire machen Überwältigungsmusik auf der Kindl Bühne

Groß, breit und laut - Arcade Fire machen Musik wie ein alter Straßenkreuzer. 17.000 Menschen in der Wuhlheide sind begeistert.

Win Butler (r.), Sänger der kanadischen Indie-Rockband Arcade Fire

Win Butler (r.), Sänger der kanadischen Indie-Rockband Arcade Fire

Foto: David Jensen / dpa

"Die einzig coole Stadionband" hat jemand Arcade Fire neulich genannt, dieses achtköpfige Wesen aus Kanada, das 2003 als Geheimtipp begann und sich mit nur vier Alben in Größenordnung Wuhlheide katapultiert hat. Sprich: 17.000 Zuschauer, ausverkauft. Arcade Fire können es sich leisten, mit Beak das trancige Seitenprojekt von Portishead-Basser Geoff Barrow als Vorband zu besetzen. Die stimmen gut ein auf die Mischung aus Tanzbarkeit und leicht verdrogtem Klanggeflimmer, die auch Arcade Fire so vollendet beherrschen. Nur dass bei ihnen noch Rock-Pathos dazukommt, plus catchy Refrains: alles also, was ein Stadion füllen kann, nicht nur zahlenmäßig.

So divers wie die musikalischen Einflüsse der Band um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne ist auch ihr Publikum: Frauen in überweiten stone-washed Jeansjacken aus den 80ern, dünne Kerle mit Designerbrillen und Baseball-Kappen, und nicht ganz so dünne mit unglaublich derben 70er-Koteletten. Das alles im Alter zwischen 20 und 50. Als die Sonne zwischen den Kiefern der Wohlheide versinkt und es schlagartig kühl wird steigt die Band auf die Bühne: die breiten Eröffnungsakkorde der neuen Single "Everything Now" vom kommenden Album schmettern durch die Wuhlheide. Auf den Rängen wird sofort gestanden, und das ändert sich in den nächsten zwei Stunden auch nicht mehr.

Musik wie eine warme, durchsichtige Decke

Statt Videoleinwände haben Arcade Fire Umhängekeyboards, Geigen und Baritonsaxophone dabei, statt ausgetüftelter Choreografie ein lustiges Durcheinanderhüpfen, Instrumentetauschen, sich beim Spielen um die eigene Achse drehen. Eine Band wie eine Bande, eine Großfamilie. Wins Bruder William Butler stellt sich auf eine Monitorbox und prügelt auf eine Trommel ein: da sind sie, die großen wilden Gesten, für die man den Rock'n'Roll liebt. Sofortiger Adrealinausstoß.

Mitklatschmeere gibt es schon beim zweiten Song, "Rebellion (Lies)". Dann folgt das fantastisch verspulte "Here comes the Night Time" mit Knarzkeyboards und überlappenden Beat-Enden. Lauter himmlische Längen über einer durchlaufenden Bassdrum. Und die frühe Hymne "Neighborhood #1 (Tunnels)", in der Win Butler singt: "And if the snow buries my, my neighborhood. / And if my parents are crying / Then I'll dig a tunnel from my window to yours." Musik, die einen umfängt wie eine warme, durchsichtige Decke. Genau das, was kann man im schattigen Berliner Abend baucht.

Die Leute feiern, tanzen, klatschen einander ab. Sie seien eine "great crowd", sagt Win Butler – die größte, vor der sie je gespielt hätten. Mathematisch kann das nicht ganz stimmen, gefühlsmäßig vermutlich schon. Die Berliner lassen sich nicht lumpen. Es gibt heftiges Rumgetobe in den vorderen Reihen, viel vorbehaltloses Armerudern und Mitsingen. Das sind ganz offensichtlich Songs, die den Menschen etwas bedeuten, die sie seit Jahren begleiten, ihnen Auskunft geben über ihr eigenes Leben.

Sogar der Mond wird zum Teil der Bühnenshow

Auch wenn manches Stück etwas zu stilecht als Spät-70er-Disco daher kommt, ohne erhellende Brüche, und auch wenn mancher Oh-oh-Mitmachrefrain ein wenig arg auf den Effekt schielt – die Überwältigungsmusik von Arcade Fire funktioniert wie ein alter Straßenkreuzer: viel von allem, breit und laut. Und sie produziert – wie so ein Wagen auch – Gänsehautmomente, ob man will oder nicht.

Gegen Ende des Abends erstarren "Afterlife" und das neue "Creature Comfort" zwar ein wenig in der bekannten Funk-meets-Avantgarde-Pose. Bei "Neighborhood #3 (Power Out)" aber lässt die Band mächtige Offbeats los. Spots zerschneiden die mittlerweile ins Dunkel getauchte Bühne, ein blitzendes Lichtorchester. Als Zugabe gibt es den Überhit "Wake up". Nebel zieht quer durch den hopsenden Zuschauerkessel. Standing Ovations sind gar kein Ausdruck. Als bester Teil der Lightshow aber hängt – wie bestellt, mitten überm Zeltdach der Wuhlheide – der Mond.

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