Studie

"Generation U27" ist so jung, bunt und vielfältig wie nie

Die Generation der unter 27-Jährigen in Deutschland war noch nie so vielfältig. Das zeigt nun der „Kinder- und Jugend-Monitor 2017“.

Jeder dritte der rund 22 Millionen jungen Deutschen unter 27 Jahre kommt aus einer zugewanderten Familie.

Jeder dritte der rund 22 Millionen jungen Deutschen unter 27 Jahre kommt aus einer zugewanderten Familie.

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Berlin.  Was heißt für dich Familie? Aus welchem Land kommen deine Eltern? Nie zuvor war eine junge Generation so vielfältig: Jeder dritte der rund 22 Millionen jungen Deutschen unter 27 Jahre kommt aus einer zugewanderten Familie, immer weniger wachsen in traditionellen Elternhäusern auf – und für immer mehr ist öffentliche Betreuung von Anfang an die Regel. Der "Kinder- und Jugend-Monitor 2017" der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) wirft ein Schlaglicht auf die Situation der "Generation U27". Zehn Stichworte, die in den nächsten Jahren wichtig bleiben werden:

Lust auf Politik

Die allermeisten jungen Deutschen sind mit der Demokratie zufrieden, viele engagieren sich auch – jedoch vor allem in kurzfristigen Initiativen statt in Parteien. Das Vertrauen in die etablierte Politik ist bei vielen eher niedrig, 85 Prozent der 15- bis 25-Jährigen wünschen sich "mehr junge Leute in der Politik". Die Autoren des Monitors fordern daher die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. "Sie müssen früher mitmischen dürfen", sagt Karin Böllert, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- Jugendhilfe (AGJ).

Jutta Cordt ist neue Chefin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

Jutta Cordt ist neue Leiterin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF. Sie übernahm die Behörde von ihrem Vorgänger Frank-Jürgen Weise offiziell am 1.1.2017. Am Donnerstag fand die offizielle Amtsübergabe in der Nürnberger Meistersingerhalle statt, bei der Bundesinnenminister Thomas de Maiziere Weise für seine Arbeit dankte. "Herr Weise, Sie sind den Weg der Veränderung gegangen, unbeirrt, nachdrücklich und mit einem klaren Ziel, es kam Ihnen allein auf den Erfolg in der Sache an." Die neue BAMF-Chefin Jutta Cordt sieht als erste Herausforderung die Verfahren zu bearbeiten, die noch im Rückstand seien. Das BAMF nahm einen Berg von rund 400.000 unerledigten Asylanträgen mit ins neue Jahr. "Und die zwei Schwerpunkte für die kommenden Jahre sind selbstverständlich das Thema Integration, dass die Menschen eben integriert werden. Hier bieten wir Integrationskurse an. Aber für diejenigen, die eben nicht bleiben können, müssen wir auch Rückkehr organisieren. Und hier gibt es eben Programme zur freiwilligen Rückkehr und hier wird auch eine Hauptaufgabe von uns sein." Jutta Cordt studierte Rechtswissenschaften und arbeitet zuletzt als stellvertretende Leiterin des BAMF. In der Vergangenheit arbeitete sie unter anderem in verschiedenen leitenden Funktionen für die Bundesagentur für Arbeit.
Jutta Cordt ist neue Chefin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

In Europa zu Hause

Sie fühlen sich stärker als Europäer als die Generationen vor ihnen, immer mehr Jugendliche wollen zudem über den deutschen Tellerrand blicken: Zuletzt hatte fast jeder Zehnte mit 17 Jahren bereits ein Auslandsschuljahr absolviert, zwischen 2004 und 2012 stieg die Zahl der Studenten mit Auslandssemester von 40.000 auf über 107.000 an.

Vater, Mutter, Kind

Das traditionelle Familienbild erodiert: 35 Prozent werden in Familien geboren, in denen die Eltern alleinerziehend sind, ohne Trauschein zusammenleben oder in einer homosexuellen Lebenspartnerschaft leben. Zuletzt lebten 2,3 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bei alleinerziehenden Eltern.

Chancengleichheit

3,7 Millionen Kinder gelten laut Monitor als sozial abgehängt oder armutsgefährdet – vier Prozent weniger als vor zehn Jahren, so Böllert. Die Chancen für Kinder aus sozialschwachen Familien wachsen – aber eben nur sehr langsam: "Startchancen werden nach wie vor vererbt." Bei jedem zehnten Kind waren 2014 beide Eltern arbeitslos, ebenso viele wuchsen in Familien auf, bei denen weder Vater noch Mutter eine abgeschlossene Berufsausbildung hatten. Immerhin: Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist gesunken.

Der Staat erzieht mit

Seit der Jahrtausendwende haben sich die staatlichen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe mehr als verdoppelt – auf heute über 40 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Kind sind das im Schnitt 1850 Euro oder fünf Euro am Tag. Der größte Teil fließt in die Kindertagesbetreuung, deutlich gestiegen sind aber auch die Ausgaben für Erziehungshilfen – über eine Millionen junge Deutsche profitieren von Beratung und Betreuung in familiären Notlagen.

Generation Kita

Fast alle Kinder über drei Jahre gehen heute in die Kita, bei den unter Dreijährigen ist es inzwischen bereits jedes dritte Kind. Der Bedarf ist damit noch längst nicht erfüllt – auch die Qualität hinkt oft hinterher. Der Monitor erinnert deswegen an die Vorgabe der OECD: Ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes sollte für frühkindliche Bildung ausgegeben werden. Um das zu erreichen, müsste Deutschland noch 13 Milliarden Euro zusätzlich investieren.

Flüchtlingskinder

Um die Integration zu fördern, verlangen die Experten der AGJ Kita-Plätze für alle Flüchtlingskinder in Deutschland. Insgesamt gebe es 120.000 Flüchtlingskinder unter sechs Jahren. Da ihre Eltern in der Regel nicht berufstätig sind, haben sie keinen Rechtsanspruch auf einen Platz.

Trend zur Ganztagsschule

Vier von zehn Schülern besuchen heute eine Ganztagsschule. Doch während unumstritten ist, dass der Nachmittagsunterricht die Vereinbarkeit von Job und Familie für berufstätige Eltern erleichtert, ist unklar, ob Ganztagsschulen auch die Bildungschancen vergrößern. Die Autoren des Monitors sind skeptisch: "Die Ganztagsschule hält ihr Versprechen nicht." Eine Verbesserung der Schulleistungen sei bis jetzt nicht nachgewiesen worden. Vor allem ältere Schüler fänden das Nachmittagsangebot langweilig. Die Wünsche von Kindern und Eltern sollten stärker einbezogen werden, fordert die AGJ.

Gauck: "Es ist das beste Deutschland, das wir jemals hatten"

Nach fast fünf Jahren im Schloss Bellevue hat Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch Bilanz gezogen. In seiner Rede rief er die Bürger des Landes auf, die Demokratie und Weltoffenheit zu verteidigen. "Es ist, das glaubte ich damals und das glaube ich heute, das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten. Aber wenn ich an die nachfolgenden Generationen denke, dann wünsche ich mir den Mut, aktuellen Herausforderungen so zu begegnen, dass dieses Land so lebenswert bleibt - am besten noch ohne einige der uns bekannten Mängel." Deutschland brauche eine "republikanische Verteidigungsbereitschaft" und eine "wehrhafte Demokratie", sagte Gauck. Es gebe angesichts vieler Unsicherheiten und Bedrohungen verstärkt die Notwendigkeit, für die eigenen Werte zu kämpfen. Zugleich forderte der Bundespräsident ein noch stärkeres internationales Engagement Deutschlands. "Deutschland - und doch eigentlich die ganze Europäische Union - kann zusehen und Schadensbegrenzung betreiben. Oder Deutschland, als starker und verantwortungsvoller Partner in der Union, kann mehr Gestaltungswillen als bisher für das größere Ganze aufbringen. Wir können, nein, wir müssen! Wir müssen mehr tun, um gemeinsam mit anderen Ordnung zu erhalten, Konflikten vorzubeugen, Krisen zu entschärfen und Gegner abzuschrecken." Mit Blick auf Ängste etwa vor Globalisierung oder Migration betonte Gauck zugleich die Stärke der deutschen Demokratie. Er appellierte deshalb an die Deutschen, das Vertrauen in die eigenen Kräfte nicht zu verlieren. "Wenn ich mich nun frage, was das Wichtigste ist, das wir unseren Kindern und Kindeskindern mit auf den Weg geben, so ist es für mich vor allem eine Haltung: Es ist das Vertrauen zu uns selbst, das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Wir bleiben gelassenen Mutes. Mögen Ängste uns auch begleiten: Wir lassen uns das Vertrauen zu uns selbst und zu unserer Demokratie nicht nehmen." Gauck warnte zudem vor Vereinfachungen und Populisten. Die entscheidende Trennlinie in der Demokratie verlaufen zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. "Es zählt nicht die Herkunft, sondern die Haltung", sagte Gauck.
Gauck: "Es ist das beste Deutschland, das wir jemals hatten"

Auslaufmodell Freizeitzentrum

Zwischen 1998 und 2014 ist die Zahl der Jugendzentren um rund 1000 auf circa 7000 Einrichtungen zurückgegangen, die Zahl der Beschäftigten sogar von rund 27.500 auf 19.700. Viele Angebote werden laut Monitor heute im Nachmittagsprogramm der Schulen aufgefangen. Immerhin jeder zehnte Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren besucht noch regelmäßig solche Treffs.

Stotter-Start ins Berufsleben

Junge Erwachsene sind häufiger arbeitslos und öfter befristet beschäftigt als Ältere. Etwa sechs Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 25 Jahren haben laut Monitor weder Job noch einen Bildungs- oder Ausbildungsplatz. Im europäischen Vergleich steht das Land damit allerdings noch gut da.

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