Kritiker

Darum geht es beim Alternativ-Gipfel der G20-Gegner

Abseits des G20-Treffens kommen Linke, Umweltschützer und Gewerkschafter zusammen. Sie fordern eine gerechtere Wirtschaftspolitik.

Diese Buttons zeigen einige der Forderungen der G20-Gegner beim Gipfel für globale Solidarität in Hamburg.

Diese Buttons zeigen einige der Forderungen der G20-Gegner beim Gipfel für globale Solidarität in Hamburg.

Foto: Christina Sabrowsky / dpa

Hamburg.  Schlange stehen gehört bei Gipfeln offensichtlich dazu, bei den großen wie bei den kleinen. Bis zur 100 Meter entfernten Jarrestraße stehen die Menschen an, um beim "Gipfel für globale Solidarität" im alternativen Kulturzentrum Kampnagel nahe der Alster dabei sein zu können. Sie wollen nicht Donald Trump, Wladimir Putin oder Angela Merkel hören, sondern die indische Ökologin Vandana Shiva, die türkische Friedensaktivistin Nuray Sancar oder Johanna Böse-Hartje von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Anders als beim großen G20-Gipfel in den Messehallen stehen vor dem Kulturzentrum keine Wasserwerfer oder Polizeiposten, kein Stacheldraht oder Beton-Poller. Die Einlasskontrolle ist ein junger Mann mit Zopf, der mit höflichem "Moin" hineinwinkt. Jeder kann kommen, jeder kann mitdiskutieren. Auch das unterscheidet den Alternativ-Gipfel vom Treffen der Staatschefs. Rund 70 Organisationen und Initiativen versammeln sich zwei Tage auf dem Gelände und suchen nach linken Alternativen zur Politik der G20-Staaten: Umweltschützer, Gewerkschafter, Altlinke, aber vor allem viele junge Menschen, die sich selbst auch Globalisierungskritiker nennen.

Protest richtet sich vor allem gegen mächtige Unternehmen

Brot für die Welt bittet um Spenden, das globalisierungskritische Netzwerk Attac erklärt, wie "global gerecht" geht, die Hilfsorganisation Oxfam will "Steuervermeidung von Großkonzernen stoppen", ein großes Spruchband über dem Stand vom Flüchtlingsrat Hamburg fordert "Offene Grenzen und Bleiberecht für alle". Vereint sind sie vor allem in der Ablehnung des "kapitalistischen Systems" – und der G20. Trotz der Unterschiede in ihren Wirtschaftssystemen stünden "die G20 vor allem für Profitmaximierung, Schutz großer Vermögensbesitzer, Vorrang der Finanzmärkte, fortgesetzte Naturzerstörung". Will man den Protest in eine Frage gießen, würde er wohl so lauten: Wie könne es sein, dass wenige mächtige Firmen sehr viel von der Welt kontrollieren?

Donnerstagmittag zogen die Veranstalter eine erste positive Bilanz: 1200 Teilnehmer aus 20 Ländern besuchten die Konferenz. Es gibt keinen Abschlussbericht. Die Aktivisten auf dem "Solidaritätsgipfel" sehen sich als eine Bewegung, die von der Zivilgesellschaft getragen ist. Eine Bewegung "von unten". Und von links. Eine Forderung an G20: Die Zivilgesellschaft spielt bei der Gestaltung der Politik in diesen Staaten eine zu geringe Rolle. Hilfsorganisationen bräuchten mehr Mitspracherechte.

Meist hört man aus den Gesprächen mit den Aktivisten vor allem Kritik an der aktuellen Politik der Regierungen in Europa oder Amerika heraus. Die Lösungsvorschläge für eine bessere Welt bleiben oft allgemein.

Shiva: "Superreiche und Großkonzerne" sind die Mächtigen

Als Auftaktrednerin stimmt die indische Ökologin Vandana Shiva die gut 800 Zuhörer in Halle 6 auf Kampnagel ein. "Die G20-Mitglieder sind gar nicht die Mächtigen, sie sind nur die Sherpas", so ihre Theorie. Die wahre Macht hätten "Superreiche und Großkonzerne", die G20 würde nur deren Interessen vertreten. Shiva sprach von "Chemie-Kriminellen" und nannte als Beispiel den Monsanto. Der Konzern kontrolliere in Indien fast den kompletten Saatgutmarkt, habe die Preise drastisch erhöht und so Hunderte Bauern in den Selbstmord getrieben. "Sollte sich die G20 nicht darum kümmern?", fragte Shiva und erntete donnernden Applaus. Bauern müssten ihr Saatgut frei wählen dürfen. Zudem sei Vielfalt bei Tierrassen und Pflanzensorten durch die Massenproduktion und die Konzentration der Produkte in der Hand weniger großer Unternehmen in Gefahr.

Aktivisten der "Aktion Agrar" fordern daher mehr Investitionen in ökologischen Anbau. Noch immer werde das Gros der EU-Subventionen in Großbetriebe gesteckt, Nachhaltigkeit bleibe auf der Strecke. Es müsse darum gehen, "aus einem auf Wachstum fokussierten Wirtschaftsmodell auszusteigen, das immer mehr Verlierer zurücklässt und unsere ökologische Lebensgrundlage zerstört", sagt der Vorstandsvorsitzende des Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (Venro), Bernd Bornhorst.

Existenzgründungen in Afrika stärker fördern

Ernährung und Klimaschutz sind die großen Themen auf dem Alternativ-Gipfel. Anike Peters von Greenpeace kritisiert, dass Kanzlerin Angela Merkel sich beim G20-Gipfel "als große Klimaschützerin hinstellen" werde, die am Pariser Klimaschutzabkommen festhalte. Gleichzeitig drohe Deutschland, die Klimaziele zu verfehlen. Peters fordert: "Deutschland muss bis 2030 das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet haben."

Immer wieder geht es bei dem Gipfel auch um den Kampf gegen Fluchtursachen. Mehrere Aktivisten kritisieren die europäische Asylpolitik scharf. Der Ausbau der Grenzkontrollen in Afrika auch mit Hilfe der EU-Staaten schade der Reisefreiheit in der Region und dem damit verbundenen Handel zwischen den afrikanischen Staaten. Wer Migration unterbinde, schwäche die Wirtschaft vor Ort, heißt es in einem Beitrag der Gruppe "Afrique-Europe-Interact". Menschen aus Afrika bräuchten legale Wege nach Europa und faire Arbeitsbedingungen. Das würde auch den Menschen in der Heimat helfen, denn Migranten überweisen regelmäßig Geld an ihre Familie. Auch müsse die EU die freiwillige Rückkehr stärker finanzieren – allerdings nicht nur mit Blick auf das Flugticket, sondern mit Geld für Existenzgründungen etwa in Afrika.

Hier hat der Bund zuletzt das Programm deutlich ausgebaut. Manch eine Krise, die Aktivisten auf Kampnagel ausmachen, findet sich zumindest auch auf der Agenda der G20. Dass es eine Lösung geben wird, ist allerdings kaum zu erwarten. Zu zerstritten sind die Staaten untereinander.

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