Nachwuchshoffnung

Torunarigha - der Wolf im Schafspelz bei Hertha BSC

Jordan Torunarigha gibt im siebten Bundesligaspiel bereits den Abwehrchef, schreibt sein Abitur und fliegt in einer Woche zur U-20-WM.

Keine Angst vor großen Namen: Jordan Torunarigha (re.) im Duell mit dem Marcel Sabitzer, österreichischer Nationalspieler in Diensten von RB Leipzig

Keine Angst vor großen Namen: Jordan Torunarigha (re.) im Duell mit dem Marcel Sabitzer, österreichischer Nationalspieler in Diensten von RB Leipzig

Foto: Michael Hundt / Matthias Koch / Matthias Koch

Berlin. So sieht das also aus, wenn ein großes Talent auf einen Spieler trifft, den die wenigsten Berliner, ja womöglich nicht mal alle auf dem Trainingsplatz von Hertha BSC kennen. Jordan Torunarigha tritt an, stoppt, beschleunigt wieder, wirft sich in ein Duell mit Nico Beyer und gewinnt.

Okay, der Kopfball geht über das Tor. Kann passieren in voller Fahrt. Ist ja auch nur Training. Und Torunarigha ist noch ein ziemlich junger Mann, Jahrgang 1997. Viel trennt ihn nicht vom 1996 geborenen Beyer. Wenn aber am Sonnabend (15.30 Uhr) der Tabellen-Sechste Hertha bei bereits abgestiegenen Darmstädtern versucht, sich die Europa League warm zu halten, muss sich Torunarigha um die Innenverteidigung kümmern. Weil Stammkräfte wie Fabian Lustenberger (Aufbautraining), John Brooks und Sebastian Langkamp (beide gesperrt) fehlen. "Es freut mich, dass ich zum Zug komme. Aber wenn ich wie zuletzt auf der Bank sitze, weil Jay und Basti spielen, ist das okay", sagt Torunarigha. Der ziemlich Junge ist ein Bescheidener.

"Ich denke nicht nach. Ich mache einfach"

Deshalb muss Trainer Pal Dardai klären, wer in Darmstadt neben Torunarigha spielt. Nico Beyer und Sidney Friede haben den Sprung in den 18er-Kader nicht geschafft. Dafür ist Manndecker Florian Baak (18) dabei. Allerdings beläuft sich dessen Erstliga-Erfahrung auf fünf Minuten. Das wäre eine mutige Entscheidung des Trainers, auf die Bubi-Abwehr zu setzen. Niklas Stark und Marvin Plattenhardt stehen im Aufgebot. Aber vor allem bei Stark stellt sich nach vier Wochen Pause die Frage, wie fit er nach zwei Trainingseinheiten im Team sein kann.

Torunarigha, 19 Jahre jung, sagt mit Blick auf sechs Bundesliga-Einsätze: "Die Nervosität hat sich gelegt. Ich denke nicht nach. Ich mache einfach." Diese Selbstverständlichkeit ist auf dem Platz zu sehen. Trainer Dardai überrascht das nicht: "Jordan verliert kaum einen Zweikampf, ist kopfballstark und schnell." Der Trainer freut sich. Auch weil er weiß, dass aus der sportlichen irgendwann eine finanzielle Hilfe werden kann. Große, schnelle Innenverteidiger wie Torunarigha mit linkem Fuß sind eine Rarität.

Um Torunarighas frühe Klasse herauszuheben, muss aber jenseits dieser Offensichtlichkeiten gesucht werden: Anfang April, Hertha spielt in Gladbach, Torunarigha als linker Verteidiger erstmals von Beginn an. Prägend für seinen Auftritt gilt eine Szene aus der ersten Minute, in der Torunarigha einen Schuss des Gladbachers Hazard vor der Torlinie abgrätschte. Die Aktion, die von einem Bundesliga-Spieler kündet, ereignete sich aber Sekundenbruchteile vorher: Torunarigha antizipiert früh einen Pass auf Hazard, verfolgt ihn, hält ihn dezent am Trikot, nimmt ihm so die Ruhe. Der Pass kommt, Torunarigha klärt. Am Ende verliert Hertha (0:1). Was mit Torunarigha aber nichts zu tun hat. "Jordan ist ein Wettkampftyp", sagt Dardai.

"Gierig, giftig, aggressiv"

Torunarigha, so sanft in den Gesichtszügen und höflich im Auftritt, dass man ihm den Abiturienten, der er bald ist, abnimmt, wird auf dem Feld zum Wolf im Schafspelz. Cotrainer Rainer Widmayer hat ihn als "gierig, giftig, aggressiv" kennengelernt. Dardai hatte früh ein Auge auf Torunarigha, der seit 2006 bei Hertha ist: "Im Finale der U17-Meisterschaft, im deutschen Jugend-Pokalfinale, in Stress­ ­situation, in denen du dir keinen Fehler leisten kannst, war ­Jordan immer gut."

Im Winter-Trainingslager wurde Torunarigha gelobt, im Dezember 2016 unterschrieb er einen Profivertrag bis 2020. Im Mai ist Torunarigha ein richtiger Bundesligaprofi. Und er schreibt Abitur-Prüfungen. Freitag Englisch-Klausur, Samstag Timo Werner. "Das ist schon stressig", sagt Torunarigha. "Aber beim Fußball denkt man nicht ans Abitur, in der Klausur nicht an Fußball." Diese Aufgabenteilung verlangt einiges. "Ich muss körperlich zulegen." "Ich muss noch eine Menge lernen." "Der Erfolg der Mannschaft steht über allem." Salven aus dem Stehsatz für Fußball-Profis, aus dem sich Torunarigha bereits ­sicher bedient.

Freitag Englisch-Klausur, Sonnabend Timo Werner

Da reift ein Talent im Schnelldurchgang. Nach Herthas letztem Saisonspiel gegen Leverkusen (20. Mai) reist Torunarigha (mit Teamkollege Maximilian Mittelstädt) der deutschen U20-Nationalelf zur U20-WM in Südkorea hinterher. Es gibt durchaus Momente, in denen Torunarigha realisiert, dass das gerade alles sehr rasant geht. "In Bremen ist Basti (Langkamp, d.R.) aus der Abwehrkette rausgerückt. Dann spielt Werder einen Chip-Ball hinter ihn und ich …", Torunarigha reißt den Kopf nach links, dann nach rechts, "… stehe da und hebe das Abseits auf."

Eine Szene der Irritation aus vielen irritierend souveränen. Man muss nämlich sagen, dass Torunarigha ­derzeit oft ziemlich gut dasteht.

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