Herthas Ex-Trainer

Huub Stevens – "Das Geld ist gar nicht so wichtig"

Ex-Trainer Huub Stevens im Interview über Herthas Chancen in Europa, die Entwicklung der Bundesliga und seinen Nachfolger Pal Dardai.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Berlin In der Saison 2002/03 führte Huub Stevens Hertha auf Anhieb in den Europapokal, ehe seine Zeit in Berlin schon im Folgejahr endete. 2016 wurde der Niederländer von Herzrhythmusstörungen zum Karriere-Ende gezwungen – nach 23 Jahren als Profi-Trainer. Heute lebt Stevens (63) in Eindhoven, genießt die Zeit mit seiner Familie, spielt Golf und erfreut sich bester Gesundheit. An seiner Leidenschaft für die Bundesliga hat das nichts geändert.

Herr Stevens, ist Hertha schon reif für Europa?

Huub Stevens: Wenn sie es in die Europa League schaffen, dann haben sie das verdient. Und dann sind sie reif dafür.

Kritiker behaupten, Herthas Stärke sei vor allem die Schwäche der Konkurrenz.

Diese negativen Sichtweisen gibt es immer. Ich habe dafür kein Verständnis. Wenn Hertha sich für Europa qualifiziert, dann liegt das nicht an anderen, sondern an Hertha – Punkt! Hoffenheim geht es ähnlich. Da heißt es auch: Schalke war schwach, Leverkusen war schwach – nur deshalb kommt Hoffenheim in die Champions League. Nein! Da wurde gute Arbeit gemacht.

Hätten Sie den Berlinern vor der Saison zugetraut, dass sie erneut ums internationale Geschäft mitspielen?

Nicht unbedingt. Umso mehr freue ich mich für Hertha und besonders für Pal Dardai. Ich habe ihn als einen Spieler erlebt, der immer für die Mannschaft denkt. Das hat sich nicht verändert. Er redet nicht über Einzelne, sondern immer über das Team.

Ist die Teilnahme an der Europa League überhaupt noch erstrebenswert? Das große Geld wird in der Champions League verteilt, und mit etwas Pech bekommt man nicht mal attraktive Gegner.

Was das Geld betrifft, haben Sie recht, aber das ist gar nicht so wichtig. Für Hertha wäre die Rückkehr ins internationale Geschäft ein enormer Image-Gewinn. Der Verein wird dann ganz anders wahrgenommen, und zwar in ganz Europa. Das kann man mit Geld kaum aufwiegen. Davon abgesehen: Wer international spielt, hat auch bessere Karten, wenn es um Sponsoren oder Investoren geht.

Die finanzstarken Topteams scheinen dem Rest der Liga enteilt. Gegen Leipzig war Hertha zuletzt chancenlos. Entwickelt sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Natürlich ist Bayern München der Konkurrenz um Jahre voraus. Aber man sieht auch, dass ihnen Überraschungsteams Probleme bereiten können. In der Bundesliga kann niemand drei Punkte einplanen, auch nicht gegen die Absteiger wie Ingolstadt. Wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, müssen wir froh sein, dass wir die Bundesliga haben.

Die Bayern sind zum fünften Mal in Folge mit großem Vorsprung Meister geworden. Empfinden Sie die Liga noch als spannend?

Ich sehe überall Spannung! Am letzten Spieltag kämpfen mehrere Teams um die Europa League oder die direkte Champions-League-Qualifikation. Vom Abstiegskampf ganz zu schweigen.

Die Bundesliga preist sich als eine der stärksten Ligen der Welt an, aber die Europapokal-Halbfinals fanden ohne deutsche Teams statt. Wie passt das zusammen?

Schalke ist gegen Ajax Amsterdam unter seinem Niveau geblieben. Trotzdem war es knapp. Oder nehmen sie Bayern gegen Real: Die waren auf Augenhöhe! Und der Schiedsrichter hat einige Fehler gemacht.

Nochmal: Für die Teams der Weltmeister-Liga war im Viertelfinale Schluss.

Das ist eine Momentaufnahme. Die Bayern standen in den vergangenen Jahren immer im Halbfinale. Und dass Dortmund so lange dabei war, ist unglaublich. Die haben einen kompletten Umbruch hinter sich – das wird schnell vergessen! Glauben Sie mir: Die Bayern müssen aufpassen, dass Dortmund nicht wieder an ihnen vorbeizieht.

Momentan ist RB Leipzig erster Bayern-Jäger. Sie haben sowohl Traditionsklubs als auch Leipzigs Pendant Red Bull Salzburg und Hoffenheim trainiert. Was machen diese neuen Herausforderer besser?

Ob Sie etwas besser machen, weiß ich nicht. Aber es ist doch gut, wenn neue Teams mit neuen Ideen kommen. Leipzig und Hoffenheim müssen jetzt erstmal mit der internationalen Belastung klarkommen. Ich bin sehr gespannt, wie sie das hinbekommen. In München und Dortmund sind sie das gewohnt.

München, Dortmund, Leipzig – diese Klubs haben finanziell enorme Möglichkeiten. Bei Hertha ist das anders. Brauchen die Berliner einen Investor? Oder geht es auch ohne?

Wenn man nicht viel Geld hat, muss man eben noch kreativer sein, um Spieler an sich zu binden. Es hilft, wenn man eine gute Perspektive aufzeigen kann – natürlich ohne einen Stammplatz zu garantieren. Ein Spieler muss ein gutes Gefühl haben.

Hertha hat sich auch ohne großes Geld im oberen Drittel festgesetzt. Was macht Pal Dardai richtig?

Pal ist er selbst und er richtet die Mannschaft nach ihren Qualitäten aus. Die Basis ist die gute Organisation – so habe ich ihn auch als Spieler erlebt. Er bleibt also ganz bei sich. Das ist ein Vorteil.

Reicht das, um in Europa bestehen?

Michael Preetz und Pal werden – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – versuchen, ein Team zusammenzustellen, das international mitmischen kann. Sie werden schauen müssen, dass sie den Kader etwas vergrößern. Nur so können sie mehrere Spieler ersetzen und ihnen auch Pausen geben.

Braucht Hertha mehr Qualität? Wenn Ibisevic und Kalou nicht treffen, geht wenig.

Du brauchst ein paar Spieler neben ihnen. Einerseits, um sie in Szene zu setzen, aber auch, um sie zu entlasten. Wenn Pal sich mehr Tempo wünscht, hat er damit recht. Schnelligkeit ist heute enorm wichtig.

Welche Herausforderungen kommen auf Dardai zu? Das internationale Geschäft hat er als Trainer noch nicht erlebt ...

Aber er kennt das als Spieler. Statt hart zu trainieren, muss er mehr regenerativ und taktisch arbeiten. Nur so können die Spieler frisch und fit sein.

Sie haben Hertha 2003 auf Anhieb nach Europa geführt. Im zweiten Jahr ging's dann schnell bergab.

Das lag aber vor allem an der Verletzung von Marcelinho. Er war ein so wichtiger Spieler für uns, dass wir ihn nicht ersetzen konnten. Unsere Zugänge konnten nicht das, was Marcelo konnte.

Mit Schalke haben Sie 1997 den Uefa-Cup gewonnen – ganz ohne brillante Einzelkönner. Ist Mentalität wichtiger als Qualität?

Immer. Ich mag die Unterscheidung nicht – Mentalität oder Qualität. Mentalität ist eine Qualität, sogar höher zu bewerten als technische Fähigkeiten. Das wird auch Hertha merken. Am einen Tag spielst du in der Europa League, zwei Tage später bei einem Aufsteiger. Da darfst du nicht nachlassen. Das hinzubekommen, ist nicht einfach.

Hertha spielt das zweite gute Jahr in Folge. Was trauen Sie dem Klub in Zukunft zu?

Michael und Pal wissen genau, was sie zu tun haben. Sie müssen kreativ sein und den Kader punktuell verstärken. Gelingt das, kann Hertha den nächsten Schritt machen.

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