Immobilien

Wohnen im Bahnhofsgebäude: Bahn verkauft alte Stationen

Vom Zug aus sehen Fahrgäste häufig verfallene Stationen. Die Bahn verkauft viele dieser Objekte – und stößt dabei auf großes Interesse.

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture alliance / ZB

Falkenberg/Mark.  Thomas Wittstock ist Immobilienmakler mit Spezialisierung auf ganz besondere Objekte. Der 63-Jährige kauft Bahnhöfe. Der, den er selbst bewohnt, liegt im brandenburgischen Falkenberg/Mark, im Oderbruch, nordöstlich von Berlin. Das Empfangsgebäude ist eines von inzwischen neun ehemaligen Bahnimmobilien, die Wittstock in den vergangenen Jahren gekauft hat.

Wittstock tut an den Gebäuden, was nötig ist, und vermietet sie weiter. Mit den Mieteinnahmen finanziert er den Kauf. "Ich hab gesehen: Die lassen sich amortisieren", sagt er. In vier bis fünf Jahren sei der Kaufpreis abbezahlt. "Die Gebäude sind so, dass man sie mit relativ geringem Aufwand auch für heutige Verhältnisse vermieten kann", sagt er. "Zumindest, wenn man nicht zwei linke Hände hat."

Online gibt es eine aktuelle Übersicht

Bereits seit Längerem verkauft die Bahn nach und nach Bahnhofsgebäude, die sie für den laufenden Betrieb nicht mehr braucht. Mehr als 2100 Empfangsgebäude haben seit 1999 den Besitzer gewechselt. Käufer sind sowohl Privatleute und Unternehmen als auch Kommunen.

Unter www.bahnliegenschaften.de gibt es eine aktuelle Übersicht über die Objekte, die zum Verkauf stehen. Die neue Nutzung hängt vom Käufer ab: Im brandenburgischen Bad Saarow sitzt im alten Bahnhof heute das Standesamt. Im sächsischen Glashütte im Erzgebirge hingegen gehört das Bahnhofsgebäude nun zu einer dort ansässigen Uhrenmanufaktur.

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Aus Bahnhöfen werden Groß-WGs und Ateliers

Andere alte Bahnhofsgebäude in ganz Deutschland werden etwa als Groß-WG, Veranstaltungsbühne oder Atelier genutzt – wie der Bahnhof von Thomas Wittstock in Falkenberg. Seine Lebensgefährtin ist Künstlerin und hat ihren Arbeitsplatz im Erdgeschoss des alten Stellwerks eingerichtet.

Auf die Idee, in alte Bahnhöfe zu investieren, kam Wittstock zufällig, als er nach einem neuen Wohn- und Arbeitsraum für sie suchte. Erst kaufte er einen Wohnblock mit Bahnbeamtenwohnungen, dann kamen auch Empfangsgebäude hinzu. Auf dem Gelände des Falkenberger Bahnhofs wohnen mit allen Untermietern inzwischen zwei Dutzend Menschen.

Alle halbe Stunde ein Zug stört weniger als eine Straße

Wenn ein Bahnhofsgebäude verkauft wird, heißt das freilich nicht, dass an dem Bahnhof keine Züge mehr halten. Am Bahnsteig vor dem Falkenberger Bahnhof stoppt zweimal stündlich die Regionalbahn. Nur stammen die meisten Empfangsgebäude, welche die Bahn heute verkauft, aus dem Dampflokzeitalter. Wo es früher Stationsvorsteher, Schalterbeamte und Gepäckabfertiger brauchte, reichen heute an ländlichen Haltepunkten ein Bahnsteig und ein Fahrkartenautomat. Die Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind damit zu groß.

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In Falkenberg ersetzt jetzt ein Wartehäuschen das Empfangsgebäude. Der Bahnbetrieb läuft vor Wittstocks Tür weiter. Der Lärm der Züge stört ihn nicht. "Die meisten Leute wohnen doch an einer Straße, wo es den ganzen Tag tost." Die regelmäßige Regionalbahn gebe dem Leben hingegen einen Rhythmus: "Der Zug um halb elf ist unser Gute-Nacht-Zug – wenn der da war, kann man getrost ins Bett gehen."

Preise der Bahnhofsgebäude schwanken stark

Darüber, was die Bahn mit dem Verkauf der alten Bahnhöfe verdient, hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Besonders viel ist es wohl nicht. Fokus bei den Verkäufen sei es, wirtschaftliche und andere Risiken für die Bahn zu reduzieren, sagt ein Sprecher. Heißt im Klartext: Die Bahn will vor allem verhindern, dass die nicht mehr benötigten Gebäude sie weiter Geld kosten.

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Bei den Angeboten auf der Website der Immobilientochter der Bahn schwanken die Preise für Bahnhofsgebäude stark. Ein Dorfbahnhof auf der schwäbischen Alb, 280 Quadratmeter Wohnfläche, renovierungsbedürftiger Zustand, ist für 80.000 Euro zu haben. Das kleinere Gebäude eines Bahnhofs in Heidelberg soll hingegen schon 525.000 Euro kosten. Die meisten Bahnhofsgebäude haben allerdings kein Preisschild. Was die Gebäude kosten sollen, erfährt man erst, wenn beim Makler ein Angebot angefordert wird.

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