Insekten

Wenn das Sterben der Bienen zum Millionengeschäft wird

Pestizide und Krankheiten dezimieren die Bienenanzahl – Ernteausfälle drohen. In China macht der Mensch die Bestäubung deshalb selbst.

In Kalifornien werden die Dienste der Imker teuer bezahlt. Besonders die Mandelbaum-Plantagen würden ohne Bestäubung kaum Ertrag bringen.

In Kalifornien werden die Dienste der Imker teuer bezahlt. Besonders die Mandelbaum-Plantagen würden ohne Bestäubung kaum Ertrag bringen.

Foto: imago stock / imago/ZUMA Press

Berlin.  Bienen sind essenziell für die Landwirtschaft. Und sie sind in Gefahr: Die Populationen von Bienen und anderen bestäubenden Insekten gehen auf der ganzen Welt zurück. Ihr Verschwinden würde weniger Nahrungsmittel und damit hohe wirtschaftliche Einbußen bedeuten – dort, wo es besonders schlimm um die Bienen steht, wird das Bestäuben zum lohnenden Geschäft.

Peter Maske kennt das Thema Verlust nur zu gut. "Stellen Sie sich vor, was los wäre, wenn jedes Frühjahr 20 Prozent der Kühe tot in den Ställen lägen", sagt der Präsident des Deutschen Imkerbunds. Einbußen in dieser Größenordnung sind für Imker leidvolle Realität. Ein Fünftel der Honigbienenvölker in Deutschland hat den vergangenen Winter nicht überlebt. Als normal würden fünf bis zehn Prozent Verlust gelten, sagt Maske.

Forscher sind alarmiert

Seit Jahren weisen Forscher alarmiert auf das Sterben von Bienen und anderen bestäubenden Insekten hin. 1,2 Millionen Honigbienenvölker gab es noch Anfang der 90er-Jahre in Deutschland. Nach diesem Winter sind es rund 650.000. Auch ihren wilden Verwandten geht es schlecht: Mehr als die Hälfte der rund 560 Bienenarten in Deutschland sind bedroht, extrem selten oder bereits verschwunden.

Die verbliebenen Tiere schwärmen in diesen Tagen wieder aus. Im Frühjahr und Sommer fliegen Bienen auf der Suche nach Nektar von Blüte zu Blüte und sorgen so für die Befruchtung der Pflanzen. Äpfel, Kirschen und Birnen entstehen so, aber auch Kürbisse, Zucchini und Raps. In Deutschland hängen laut Imkerbund 80 Prozent der Pflanzen vom Bienenflug ab.

Bestäubungsimker platzieren Bienenvölker

Wenn Obst, Gemüse und Getreide nicht mehr ausreichend bestäubt werden durch Wildbienen und als Nebeneffekt der Honigproduktion, muss nachgeholfen werden: Dann kommen Bestäubungsimker und platzieren ihre Bienenvölker dort, wo sie gebraucht werden. In Deutschland ist das eher die Ausnahme, die Vergütung ist gering.

Anderswo muss dagegen bereits massiv nachgeholfen werden. Zum Beispiel in Kalifornien, Weltmarktführer bei der Mandelproduktion. Dort reihen sich die Bäume in den Plantagen aneinander soweit das Auge reicht, 130 Millionen stehen im ganzen Staat. Doch die Monokultur ist schlecht für Bienen. Deshalb packen jedes Jahr im Februar Tausende Imker in den USA ihre Völker auf Lastwagen und machen sich auf den Weg in den Südwesten. Schätzungen zufolge schwirren jeden Februar etwa 31 Millionen Bienen durch das Central Valley. Ist die Mandelblüte vorbei, packen die Imker ihre Bienen wieder ein und machen sich auf in andere Teile der USA, wo andere Blüten warten. Laut Schätzungen des Agrarkonzerns Monsanto erwirtschaften sie damit 225 Millionen Dollar – pro Jahr.

Pestizide treffen alle Insekten

"Bienen sind enorm wichtig", sagt der französische Agrarökonom Nicola Gallai. "Mindestens zehn Prozent des Werts aller produzierten Nutzpflanzen hängen von Bestäubern ab. Das ist unheimlich viel." Gemeinsam mit Kollegen hat er errechnet, dass Bestäuber, die meisten davon Bienen, 153 Milliarden Dollar im Jahr an Ertrag bringen. Das war 2005. Mittlerweile, sagt Gallai, sei der Wert sehr wahrscheinlich gewachsen. Bis zu 14,7 Prozent des Handels mit Obst, Gemüse und Feldfrüchten könnten nach Gallais Berechnungen wegbrechen, wenn das Sterben der Bestäuber weitergeht.

Die Varroa-Milbe, ein Parasit, greift Bienen an. Auch der Klimawandel schadet den Insekten. Und ausgerechnet die Landwirte, die von den Bienen profitieren, sind ein Teil des Pro­blems. "Die Intensität des Anbaus zerstört natürliche Lebensräume und tötet wilde Bienen. Und die Farmer nutzen Pestizide, die die Honigbienen kaputt machen", sagt Gallai.

EU-Kommission plant Verbot von drei Pestiziden

Die EU-Kommission plant derzeit ein Verbot von drei Pestiziden, die die Nervenzellen von Insekten angreifen. "Wichtig und überfällig" sei das, sagt Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, der seit Langem für ein Verbot kämpft. Mit dem Einsatz von Pestiziden, die den Bienen schaden, "sägt die Landwirtschaft an dem Ast, auf dem sie selber sitzt".

Wie es aussieht, wenn die Landwirtschaft nicht mehr auf die Hilfe der Bienen zählen darf, kann man heute schon in China betrachten. In Teilen des Landes gibt es wegen Pestiziden keine Bienen mehr. Dort übernehmen Menschen die Arbeit der Insekten: Mit Pinseln ziehen Arbeiter über die Plantagen und bestäuben die Blüten von Hand – langsamer und ineffektiver als die Bienen. Ist das die Zukunft? Bienen könnten so ersetzt werden, sagt Gallai, es sei aber vor allem in Hochlohnländern sehr teuer.

In Japan und den USA haben Studenten und Forscher jetzt Drohnen entwickelt, die ebenfalls Pflanzen bestäuben können. Doch Bienen ersetzen können sie noch lange nicht: Sie können nicht lange genug fliegen und sind zu unbeweglich.

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